Ein Pyrrhussieg für Thalias Kinder

5. Februar 2003, 20:11
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Mehrbelastung für deutsche Bühnen

Berlin - Während chromblitzende Finanzmetropolen wie Frankfurt/Main von der Zahlungsunfähigkeit bedroht sind, deutsche Kulturetats entweder stagnieren oder in den Keller rasseln, zeitigen jetzt auch die Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst ernste Folgekosten für die ohnehin zu eiserner Sparsamkeit verpflichteten Theaterhäuser.

Nachdem sich Gewerkschaft (ver.di) und Arbeitgeber auf eine gestaffelte Lohnerhöhung von 4,4 Prozent bis Mai 2004 geeinigt haben, sprechen nicht nur Vertreter der Arbeitgeberverbände von einem "Pyrrhussieg". Auch die wichtigsten Bühnenintendanten, gleich ob sie unter der Hoheit eines Bundeslandes stehen oder kommunal ressortieren, zeigen sich angesichts eingefrorener Etats reichlich entgeistert bis völlig ratlos.

Lohnerhöhungen müssen aus den laufenden Etats geschöpft werden; daher führen die tariflichen Segnungen absehbar zu Freisetzungen und Planpostenstreichungen.

Oder, wie es Ulrich Khuon vom Hamburger Thalia-Theater anlässlich einer Umfrage des Branchenblattes Theater heute sarkastisch formuliert: "Die Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein hat sich für eine Nullrunde stark gemacht. Denn einerseits werden im öffentlichen Dienst mit Streikdrohungen Tariferhöhungen erkämpft, die dann bei den freiwilligen Leistungen der Kommunen, also gerade im Bereich Kultur, wieder eingespart werden müssen. Ein sicherer Arbeitsplatz bei vernünftigem Einkommen ist so ein gewaltiger Vorteil in unserem neoliberalen System - da ist eine Nullrunde nicht unsozial."

Schwarzhumorig auch die Äußerung von Matthias Hartmann, Intendant in Bochum: "Von mir aus können alle noch viel mehr Geld verdienen, ich weiß nur nicht, wer das bezahlen soll."

Die absehbaren Mehrbelastungen schlagen unterschiedlich zu Buche. Wegen der gestaffelten Weitergabe der Erhöhung werden unterschiedliche Einsparungsvolumina genannt: Mittlere Häuser wie das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin machen jährliche Mehrkosten von 600.000 Euro namhaft.

Lindernder Umstand

Zugleich verweist die Mehrzahl der Intendanten auf Absprachen mit den Subventionsgebern: Wilfried Schulz, Intendant des Hannoveraner Schauspiels, beruft sich auf eine Zusage des Landes Niedersachsen, "dass die Tariferhöhungen mindestens bis zwei Prozent jährlich ausgeglichen werden."

Am verwundbarsten scheinen noch immer die Häuser im Osten. Mit Grabesstimme verlautbart Holk Freytag vom Dresdener Staatsschauspiel: "Der Tarifabschluss kostet uns allein 2003 zirka 400.000 Euro. Wir werden zwölf Stellen abbauen müssen."

Fazit: "Es ist eine Absurdität, dass Lohnerhöhungen mit der Produktion von Arbeitslosen und der Mehrbelastung des Personals bezahlt werden müssen."
(DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2003)

Von Ronald Pohl

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theaterheute.de
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