Katastrophenszenario, aber auch Hoffnung

6. Februar 2003, 15:07
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Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig

Die Landschaft ist flach und eintönig. Schon etwa 350 Kilometer seit dem südlichen Rand von Bagdad gibt es kaum Abwechslungen: weiße, versalzene Böden, gelegentlich ein paar Dattelpalmen und bebaute Äcker, versprengte Dörfer, trostlose Städte.

In den wenigen Garküchen an der Strecke sitzen Männer und Frauen in getrennten Räumen. Die parkenden Autos werden sofort von schmuddeligen Kindern umlagert. In schwarze Umhänge gekleidete Frauen bitten um Almosen.

Hier, nahe der Hafenstadt Basra, sind die Einwohner überwiegend schiitischen Glaubens. Zwar wurden sie von der sunnitisch bestimmten Regierung in Bagdad jahrzehntelang vernachlässigt. Aber auch die Leidenskultur der Schiiten, die auf den gewaltsamen Tod ihrer ersten Imame Ali und Hussein zurückgeht, mag diese andersartige Lebensweise erklären.

Doch mehr noch haben die Kriege der jüngsten Vergangenheit die Menschen heimgesucht. In den letzten zwei Jahrzehnten hat der Süden viele Kriege durchlitten. Im irakisch-iranischen Krieg von 1980 bis 1988 war die Heimat der Schiiten Truppenaufmarschgebiet und Ziel iranischer Raketen. Im Krieg um Kuwait setzten die Amerikaner Geschoße aus abgereichertem Uran ein. Seitdem, sagen auch unabhängige Experten, seien die Fälle von Leukämie stark angestiegen.

Medizin zur Bekämpfung der Leukämie gibt es nur unzureichend - wie UN-Generalsekretär Kofi Annan in seinem Bericht zur humanitären Lage im Irak vom November 2002 schreibt. Der Mangel gehe auch darauf zurück, dass manche Medikamente zu den verbotenen Importgütern gehörten, weil ihre Bestandteile auch zur Herstellung verbotener Waffen dienen könnten.

Von Leidenden zu Handeln- den wurden Schiiten 1991 in Basra. Sie erhoben sich gegen Saddam Hussein. Doch George Bush Vater, der die Iraker zum Aufstand aufgefordert hatte, ließ die Schiiten im Stich. Er erlaubte dem geschlagenen Saddam Hussein, den Aufstand aus der Luft zu bekämpfen. George Bush fürchtete das Chaos, das er mit den Aufständen von Schiiten (und Kurden im Norden) aufkommen sah.

Kurz vor Amara biegt eine Straße nach Osten ab. Etwas abseits heben irakische Soldaten neue Schützengräben aus. Der nächste Krieg droht. Nach 20 Kilometern erreicht man das Städtchen Maimuna. Hier kann man besichtigen, wie Menschen leben, wenn lange Jahre Krieg Normalzustand sind und dem Krieg ein schon zwölf Jahre dauerndes Wirtschaftsembargo folgt.

Die meisten hier sind auf die monatlichen Essensrationen angewiesen, welche der Irak mit dem von den UN kontrollierten Öleinnahmen kauft. Für zwei Monate gibt es pro Person 18 Kilo Mehl, acht Kilo Reis, vier Kilo Zucker, 400 Gramm Tee, 250 Gramm weiße Bohnen, zweieinhalb Liter Pflanzenöl, 150 Gramm Salz, ein Kilo Waschmittel, 500 Gramm Seife, ein wenig Trockenmilch - alles zum Preis von 500 Dinar, ein paar Cent. Fleisch, Obst, Gemüse fehlen in dieser Diät.

Madschid Walid arbeitet schon Jahre lang für die Hilfsorganisation Care. Der Iraker spricht exzellent Englisch und fällt klare Urteile. "Das Öl-für-Lebensmittel-Programm der UN", so urteilt er, "könnte noch hundert Jahre dauern. Es würde nicht mehr erreichen, als die Situation der Menschen auf einem sehr niedrigen Niveau zu stabilisieren."

Mit finanzieller Hilfe der Schweiz und Schwedens versucht Care etwas mehr zu tun. Unter Leitung von Madschid Walid hat die Organisation in Maimuna ein neues Krankenhaus mit 70 Betten errichtet und dazu eine ambulante Krankenstation. Zugleich ist Care dabei, die Wasseraufbereitungsanlagen der Stadt und das Rohrnetz zu erneuern.

Vor 1990, sagt Madschid Walid, habe sein Land auf dem UN-Index für "Menschliche Entwicklung" den guten 67. Platz eingenommen - etwa zusammen mit Griechenland. Heute sei der Irak auf Platz 126 abgerutscht.

Ob die amerikanische Embargopolitik diesen menschlichen Preis, etwa den Tod Zehntausender Kinder, wert sei, wurde Madeleine Albright, die damalige US-Außenministerin, Mitte der Neunzigerjahre im amerikanischen Fernsehen gefragt. Sie glaube, antwortete die Ministerin, dass der Preis nicht zu hoch sei. Aus den offiziellen Dokumenten des State Department sind diese Äußerungen inzwischen gestrichen.

Die Menschen des Südens stehen vor einer neuen Katastrophe. Doch viele sehen in den Amerikanern diesmal auch eine Hoffnung - versprechen die Invasoren doch ein Ende der Bagdader Schreckensherrschaft. Doch eine neue, stabile Ordnung zeichnet sich noch nicht ab. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2003)

Heiko Flottau aus Amara


Die Schiiten im Südirak leiden nicht nur unter der Repression des Saddam-Regimes, sondern auch unter der internationalen Embargopolitik. Eine US-geführte Militärintervention beflügelt neue Katastrophenszenarien, löst bei manchen aber auch Hoffnungen aus.
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