Mit fünfzig Mars-Riegeln zu Saddam

5. Februar 2003, 17:48
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Labour-Linker Benn konterkariert Blair

Er hat sich 50 Mars-Riegel und mindestens genauso viele Teebeutel in die Taschen gestopft, dann ist er nach Bagdad geflogen. Zum Interview mit Saddam Hussein. Das heißt, geflogen ist Tony Benn nur bis Amman, die restlichen tausend Kilometer legte er im Taxi zurück. Das Embargo lässt keine Direktflüge zu.

Eine beschwerliche Reise für einen 77-Jährigen, aber Benn nahm die Strapazen in Kauf. Der Labour-Abgeordnete und Exminister, Galionsfigur der britischen Linken, sah den Trip als Friedensmission und Protest gegen den Kurs seines Regierungs- und Parteichefs Tony Blair.

In der Nacht zum Mittwoch strahlte der Londoner Fernsehsender Channel Four Benns Gespräch mit Saddam aus. "Hat der Irak Massenvernichtungswaffen?", fragte der Gast. "Nein, überhaupt keine", antwortete der Präsident. Solche Waffen würden ja nicht in Form kleiner Pillen geliefert, man könne sie nicht in der Hosentasche verstecken, belehrte Saddam. "Haben Sie Kontakte zu Al-Kaida?" - "Wir würden uns nicht schämen, sie zuzugeben. Wir unterhalten aber keine Beziehungen zu Al-Kaida."

Freunde hätten ihn gewarnt, erzählte Benn vor dem bizarren Fernsehtermin: Er laufe Gefahr, einem Diktator als Stichwortgeber zu dienen. Aber er hätte sich nie verziehen, hätte er nicht wenigstens versucht, nach dem vielleicht letzten Strohhalm der Hoffnung zu greifen. "Ich habe einen Bruder im Krieg verloren. Ich will nie wieder Krieg sehen."

Benn ist kein Unbekannter in Bagdad. In der Golfkrise 1990 eilte er, wie damals auch Willy Brandt, in das Zweistromland, um die Freilassung ausländischer Geiseln zu erreichen.

Auch daheim ist er nicht irgendwer, sondern der große alte Mann der Labourpartei. Mit feinen Manieren, Upperclass-Englisch und einer ausgeprägten Leidenschaft für den Fünf-Uhr-Tee kommt Benn daher wie der Prototyp des britischen Gentleman. Politisch indes ist er ein Sozialist alter Schule, das genaue Gegenteil zu Tony Blairs New Labour. Das Kontrastreiche hat das Leben von Anthony Wedgwood-Benn schon immer geprägt. Geboren wurde er in eine prominente, privilegierte Familie. Vater und Großvater saßen im Parlament, er selbst studierte am New College zu Oxford. Sein Vater wurde zum ersten Viscount of Stansgate geadelt, um für Labour ins Oberhaus zu gelangen. Als er 1960 starb, erbte der Junior den Titel und musste als Adliger das Unterhaus verlassen.

Tony Benn zog vor Gericht, um den "Viscount" wieder loszuwerden: Er schrieb Rechtsgeschichte, und seitdem wird er im Heimatland der Exzentriker als Querkopf verehrt. 1950 nahm er zum ersten Mal im House of Commons Platz. Bis 2001, als er nicht mehr kandidierte, wurde er öfter in die wichtigere der beiden Parlamentskammern gewählt als jeder andere Abgeordnete des Königreichs.

Altersweisheit oder Altersstarre? - auch heute scheiden sich die Geister an Benn. Dogmatiker wie er, hält Blair dem Weißhaarigen vor, hätten Margaret Thatcher erst wählbar gemacht. Bis 1979 saß der Gentleman, erst als Minister für Industrie, dann für Energie, in den letzten Labour-Regierungen vor dem Siegeszug der Eisernen Lady. Tony Benn, merkte Expremier Harold Wilson seinerzeit spöttisch an, gewinne, je älter er werde, an Unreife. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2003)

Frank Herrmann aus London
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    Tony Benn bei Saddam Hussein

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