Saddam Hussein: Brutaler Pragmatiker möchte ein neuer Sultan Saladin sein

11. Februar 2003, 11:57
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Bagdad - Der irakische Machthaber Saddam Hussein, den US-Präsident George Bush "eine Gefahr für die Welt" nennt und dem er einen Militärschlag als das "letzte Mittel" androht, gilt als einer von wenigen arabischen Staatschefs, die ein längerfristiges Konzept verfolgen. Der äußerlich sehr beherrscht wirkende Mann ist konsequent bis zur Brutalität in der Durchsetzung seiner Ziele und pragmatisch, wenn er sich davon größeren Vorteil verspricht.

Der am 28. April 1937 in Tikrit am Tigris, in kurdischem Siedlungsgebiet, geborene Sunnit Saddam Hussein wurde von einem Onkel aufgezogen, der zur familiär eng verflochtenen Führungsschicht der panarabischen nationalistischen Baath-Partei gehörte, und schon in seiner frühen Jugend politisch geprägt. Als Neunzehnjähriger trat er der Partei bei und beteiligte sich an einem Aufstand gegen die britenfreundliche Haschemiten-Monarchie, die 1958 von General Abdel Karim Kassem gestürzt wurde. 1959 war Saddam Hussein in einen Mordanschlag auf Kassem verwickelt, wurde verwundet und musste nach Kairo fliehen. Dort schloss der in Abwesenheit zum Tod Verurteilte seine mangelhafte Schulbildung ab und begann ein Jus-Studium. In Ägypten setzte er sich außerdem intensiv mit dem Regierungsstil von Josef Stalin auseinander.

Nach dem vom amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützten Sturz und der Ermordung von Militärdiktator Kassem kehrte Saddam Hussein 1963 nach Bagdad zurück. Unter dem neuen Staatschef Marschall Abdel Salam Aref wurde er verhaftet und noch als Häftling in das Leitungsgremium der Baath-Partei kooptiert. Im Mittelpunkt der "Baath" (Wiedergeburt)-Ideologie stehen arabischer Nationalismus und Sozialismus. Obwohl sich die 1947 von dem syrischen Christen Michel Aflak (1909-1989) gegründete Partei immer wieder auf das islamische Erbe der arabischen Nation beruft, bezieht sie wesentliche Elemente ihres Programms von europäischen Vorbildern, insbesondere dem Marxismus. Ihre Forderung nach einer strikt laizistischen Gesellschaftsordnung brachte sie in Gegensatz zu moslemischen religiösen Kreisen, die ihr Atheismus vorwerfen und jegliche Trennung zwischen "Arabismus" und Islam ablehnen. Die "Arabische Sozialistische Baath-Partei" fühlt sich als "Avantgarde" zur Führung der gesamten arabischen Welt berufen. Sie ist eine nach dem Zellensystem straff organisierte Kaderpartei.

An der Vorbereitung der Baath-Machtergreifung am 17. Juli 1968 war Saddam Hussein maßgeblich beteiligt - er und die CIA. Als Stellvertreter des neuen Staatschefs General Ahmed Hassan el Bakr an der Spitze des Eevolutionären Kommandorates war er der zweite Mann des Regimes. 1972 verstaatlichte er die Ölquellen des Landes - die daraus sprudelnden Erlöse investierte er in das Militär, aber auch in die Bildung. Nach dem Rücktritt des schwer kranken Präsidenten Bakr 1979 wurde Saddam Hussein Staats- und Regierungschef. Ohne militärische Ausbildung ließ er sich zum Generalleutnant ernennen und erhielt inzwischen den höchsten militärischen Rang eines Feldmarschalls. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte eine blutige "Säuberung" unter seinen politischen Widersachern. 22 hohe Funktionäre ließ er damals hinrichten.

Mit der Sowjetunion schloss der erklärte Antikommunist einen Freundschaftsvertrag, der ihm umfangreiche Waffenlieferungen aus der UdSSR einbrachte. Gegen Zugeständnisse in der Grenzziehungsfrage erreichte er 1975, dass der Schah die iranische Unterstützung für die Kurden im Irak einstellte.

Saddams Hauptziel ist nach eigenen Worten die Vernichtung Israels. Als symbolträchtig sieht er es an, in Tikrit geboren zu sein, wo Sultan Saladin zur Welt kam, der im 12. Jahrhundert den Kreuzritterstaat Jerusalem niederwarf. Diese Einstellung machte ihn zum erbittertsten Feind des ägyptischen Staatschefs Anwar el Sadat, als dieser einen Separatfrieden mit Israel schloss.

1980 entfachte er den achtjährigen Krieg mit dem Nachbarn Iran, der bis zu einer Millionen Menschenleben forderte. Die USA unterstützten Hussein mit gigantischen Waffenlieferungen, weil sie den revolutionären Iran damals mehr fürchteten. 1990 suchte Saddam Hussein die offene militärische Auseinandersetzung mit Kuwait, das ihn während des ersten Golfkriegs politisch und finanziell unterstützt hattee. Der zweite Golfkrieg wurde durch einen sechswöchigen Luftkrieg unter der Federführung des US-Präsidenten George Bush senior beendet. Die UNO verhängte zu Kriegsbeginn Sanktionen, an deren Auswirkungen - Versorgungsengpässe, Hunger und Krankheiten - bis heute rund eine Million Iraker starben.

Unmittelbar nach Ende des Kriegs schlug Husseins Armee einen Aufstand von Kurden und Schiiten nieder. Bei einem großen Giftgasanschlag auf die kurdische Stadt Halabja Jahre später erstickten mindestens 5.000 Menschen. 1991 kamen UNO-Waffeninspektoren ins Land. Durch Schikanen und stundenlanges Warten vor Palästen und Fabriken ließ Saddam Hussein sie über den Stand der atomaren, biologischen und chemischen Waffen im Dunkeln. Nach sieben Jahren rückten die Inspektoren ab, um im November 2002 wieder zurückzukehren.

In einem Referendum im Oktober 2002 bestätigten 100 Prozent der Iraker den Diktator für weitere sieben Jahre im Amt. Saddam Hussein ist mit seiner Cousine Sajida Kheirallah Telfah verheiratet. Der Staatschef nahm außerdem 1986 Samira Shabandar zur zweiten und 1990 Nidal Hamdani zur dritten Frau. Alle seine fünf anerkannten Kinder stammen jedoch von Sajida.

Nach Angaben seines Bruders Barzan Tikriti hat der irakische Machthaber fünfzehn Mordanschläge überlebt. "Wer mich töten will, muss sich hinten anstellen", sagte Saddam Hussein schon vor Jahren.(APA/Reuters)

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    Saddam Hussein

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