Die Entscheidung der Sinne

6. März 2003, 18:45
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Die "Literatur im März" feiert seit Donnerstag den Körper

Wien - Haben Sinne überhaupt Sinn? Oder: Wie steht Literatur zu den leiblichen Sinnen, zu Tasten, Schmecken, Riechen, Hören? Das sind die Ausgangsfragen der Großveranstaltung "Literatur im März", die heuer unter dem Motto "Von den Sinnen" firmiert. Sie beginnt am Donnerstag, den 6. März, in der KunsthalleWien im Museumsquartier mit einem Vortrag des bekannten Anthropologen Rudolf zur Lippe (18.30 Uhr). Der zweite Stargast des Eröffnungstages, die Schottin Alison Louise Kennedy, musste leider kurzfristig absagen, doch immerhin mit themenkonformer Begründung: Zahnschmerzen.

Hier nur einige Vorbemerkungen zum Eröffnungsredner Rudolf zur Lippe, bekannt geworden mit seiner Studie Sinnenbewusstsein. Grundlegung einer anthropologischen Ästhetik (1987). In dieser Studie zeichnet der 1937 in Berlin geborene zur Lippe eine Geschichte der Neuzeit, die in der offiziellen Geschichte verdrängt wurde, in der Literatur aber schon seit Rabelais und den Barocksoldaten Grimmelshausens stark präsent ist: eine Geschichte der Körper.

Eine solche Geschichte ist deshalb dringend, weil deren Verdrängung von den jeweils Herrschenden betrieben und die Körper funktionalisiert wurden: der männliche Körper reduziert auf den soldatischen, der weibliche aufgebläht zur Projektionsfläche.

Ausgangspunkt ist auch für Rudolf zur Lippe, der sich bei Adorno 1969 mit einer Geschichte des Leibes in der Moderne habilitiert hatte, eine zentrale Einsicht aus Adorno/ Horkheimers Dialektik der Aufklärung (1947). In einem Kapitelentwurf, "Interesse am Körper", notierten Horkheimer/Adorno: "Die Arbeitsteilung belegte die rohe Kraft (den Körper) mit einem Bann" - bei gleichzeitiger Aufwertung des "Geistes" der Herrschenden. Zugleich aber (dies eben die Dialektik der Moderne) fixierten sich die "Lyncher und Klanmitglieder" dann gerade auf den zuvor entwerteten Körper, reduzierten alles darauf, zerteilten und vernichteten ihn. Gegen diese Herrschaftslinie entwickelten Literatur, Theater und Ästhetik ihr Gegenprogramm.

Es sind also Momente der Gefahr - Krieg, Faschismus, Folter und Terror - die den Blick auf den Körper in die Literatur bringen, von Kleist bis zur Gegenwart. Die Vielfalt der Sinne hat dabei am knappsten Michel Serres in Die fünf Sinne (1993) gefasst: "Feuer im Schiff bedeutet höchste Gefahr. Das brennt, sticht, beißt, lodert, stinkt: Wo entscheidet sich das Subjekt?" Solche Entscheidungen will das heurige Programm zur Sprache bringen: Etwa Leon de Winter, Albert Ostermaier am Eröffnungsabend; Margriet de Moor und der Dichter des Hörsinns, Gert Jonke, Freitag (19.00), Friederike Mayröcker mit neuen Gedichten am Samstag, mit anschließendem "orchestralem Kochen" (Tex Rubinowitz, Michael Lentz). Am Sonntag: Synästhesie im Film (14.30) und ein Jungstar aus Prag, Jáchym Topol (19.00). (DER STANDARD, Printausgabe, 6.3.2003)

Von
Richard Reichensperger

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kunsthallewien.at

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    foto: literatur im märz
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