19 Handys riefen Kleptomanen wach

4. Februar 2003, 22:30
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Herrn Josef fehlen ein paar Zähne, einige Mantelknöpfe, beide Schuhbänder und ein Rechtsanwalt - Nichts von alledem scheint ihm abzugehen

Kein Gerichtspsychiater hat über ihn je eine "Gefährlichkeitsprognose" gestellt. Seine Freiheit ist, nicht eingewiesen zu werden. Die lässt man ihm.

Josef ist ein alter Bekannter des Hauses. Doch die neuen Säle sieht er zum ersten Mal. "Schöne Möbel", sagt er. Der Staatsanwalt schaut finster, vermutlich hasst er die Möbel. Die Richterin bittet den Beschuldigten, auf den "Gang der Verhandlung" zu achten. Dass ein Geständnis der wesentlichste Milderungsgrund ist, fällt nicht ins Gewicht. Josef hat nichts zu gestehen. Bei ihm wurden 19 Handys gefunden.

"Nicht absichtlich"

"Sie wissen, ich mache es nicht absichtlich", sagt er. Die Richterin weiß es noch nicht, aber sie will es ihm glauben. Die 23 Vorstrafen hatten alle mit Diebstahl zu tun. In den 80er-Jahren waren es die Supermärkte, in den 90er-Jahren die Elektrogeschäfte. Zuletzt verfiel er der neuen Technologie in der Telekommunikation.

"Ich war schon weg davon", klagt er. Er meint die Kleptomanie. Er kramt in einem schmuddeligen Emma-Plastiksackerl nach (ehemaligen) ärztlichen Attesten. Die Richterin scheint Infektionsgefahr zu wittern und winkt ab.

Handyboom

Im Vorjahr erfasste ihn der Handyboom. "Der Sommer war ein Albtraum", sagt er: "Egal, wo man hing'schaut hat - auf jedem Tisch so ein kleines Telefon." - "Niemand zwingt Sie, die alle einzusammeln", sagt der Staatsanwalt. "Die können S' doch eh gratis kriegen, wenn S' in ein Geschäft gehen", sagt die Richterin. Jetzt lächelt er mitleidig: Sie hat überhaupt nichts verstanden.

Was er mit den Handys gemacht hat? - "In eine Schachtel verstaut und gewartet, bis sie nicht mehr klingeln", sagt er. Er selbst will nur ein einziges Mal telefoniert haben. War aber unspektakulär: "Da hat sich einer gemeldet, den ich nicht gekannt hab'."

Der Prozess wird vertagt. Es liegen noch ein paar "Ausdehnungsanträge" vor. "Sie sollten sich wieder einer Therapie unterziehen", meint die Richterin. "Nicht notwendig, von den Handys bin ich weg", erwidert Josef. "Hoffentlich kommen jetzt nicht die Videokameras", sagt der Staatsanwalt. Endlich lacht auch er. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2003)

Von Daniel Glattauer
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