Das tägliche Gebet und das Schicksal

4. Februar 2003, 19:40
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Super-G-Weltmeisterin Michaela Dorfmeister ist sehr nachdenklich geworden am Abend, und sie gedachte ihrer verstorbenen Vorgängerinnen Ulrike Maier und Régine Cavagnoud

Benno Zelsacher aus St. Moritz

Am Abend eines langen Tages hat Michaela Dorfmeister Besuch bekommen. Vom Durst. Also saß sie, Ehrenmitglied der derzeit nicht ganz so erfolgreichen Rapid, im Österreich- Haus beim Bier und erklärte den Sieg und seine Begleiterscheinungen.

Gaude zu Haus

Daheim in Neusiedl im Piestingtal haben sie es sehr lustig gehabt. Weil sich die Oma geziert hat, wurde sie von jenen Fanklublern, denen es nicht vergönnt war, Neusiedls größter Tochter in St. Moritz beim Gewinnen zuzuschauen, in eine Scheibtruhe verfrachtet und ins Klublokal namens Gauermannstube befördert. Heimgegangen ist die beglückte Oma zu Fuß. Papa Pepi und Mama Christine hingegen weilen in St. Moritz. Und zu Testzwecken biss die Mama in die goldene Medaille. „So schön war die Siegerehrung“, berichtete die Niederösterreicherin, die den Rummel um ihre Person sehr genoss.

Klimatisches

„Fürs Mannschaftsklima wäre es aber besser gewesen, wenn andere auch oben gestanden wären. Ich bin ja auch schon da unten gestanden wie die Alexandra Meissnitzer. Und es tut weh, wenn man unten steht. Aber sie werden den Mut sicher nicht verlieren.“ Dorfmeister, die sich vor zwei Jahren in St. Anton die WM-Goldene in der Abfahrt besorgt hatte, sprach oft vom Quäntchen Glück an diesem Tag, es könne ja so viel passieren oben am Berg. Und damit meinte sie nicht bloß Startnummernpech oder hinterhältige Windböen oder den Griff zum falschen Ski oder das Kunststück, das Caroline Lalive zuwege gebracht hat. Die Amerikanerin, die in St. Johann im Pongau lebt, versuchte es bisher elfmal bei Großereignissen, und ebenso oft schied sie aus. Glück im Sinne von Zufall? „Zufall würde ich nicht sagen. Das ist Schicksal. Und ich weiß dies alles sehr zu schätzen. Das ist nicht selbstverständlich.“

Tote Vorgängerinnen

Der Super-G der Damen ist ja nicht irgendeine Disziplin des alpinen Skisports, sondern eine außergewöhnlich belastete. Die Salzburgerin Ulrike Maier, Weltmeisterin 1989 und 1991, verunglückte 1994 beim Abfahrtslauf in Garmisch-Partenkirchen tödlich. Die Französin Régine Cavagnoud, Weltmeisterin 2001, starb im Herbst 2001 an den Folgen einer Kollision mit einem deutschen Betreuer beim Gletschertraining in Tirol. Dorfmeister und ihre Freundinnen, Zimmerkollegin Brigitte Obermoser und Teamärztin Brigitte Auer, „redeten stundenlang über die Ulli vor diesem Rennen, und es ist viel herausgekommen. Dass die regierende Weltmeisterin nicht mehr lebt, ist natürlich auch ein Wahnsinn, wirklich sehr, sehr zach.“

Glaube

Besonders an Maier hat Dorfmeister einschneidende Erinnerungen. Der Unfall passierte in jener Saison, in der Dorfmeister erstmals im großen Weltcup auftrat, den sie im vergangenen Jahr gewann. Ist sie, Dorfmeister, gläubig? „Ich schließ’ die Ulli jeden Tag in mein Gebet ein.“ Dorfmeister hat am Unterberg das Skifahren erlernt, und das Unterberghaus ist nicht nur eine normale Skihütte, sondern auch eine traditionelle Labestation auf dem Pilgerweg nach Mariazell. Ob sie ihn kennt, den Weg? „Ich bin ihn noch nicht gegangen, aber der Papa ist mit vier Freuden schon nach Mariazell marschiert.“

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 5.2. 2003)

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    Michaela Dorfmeister und Eltern

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