Der Gletscher als neue Bauzone

5. Februar 2003, 12:52
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Landeshauptmann will Baustopp zu Fall bringen

Innsbruck - "Das Leben des Landes hängt im Wesentlichen von der touristischen Entwicklung ab", betont Tirols Landeshauptmann Herwig van Staa. Daher werde im Wahlprogamm der ÖVP für die nächste Landtagswahl eine Novelle des Naturschutzgesetzes enthalten sein, wonach "oben dazukommen soll, was unten wegschmilzt", erklärt van Staa und fügt hinzu: "Die Menschen im Tal sind wichtiger als die Küchenschelle auf der Alm."

Auf Nachfrage schränkt van Staa ein: Neuerschließungen von Gletscherskigebieten kämen nicht infrage, aber "Adaptierungen und geringfügige Erweiterungen" der bestehenden.

Keine Ausfallsicherheit

Ausgelöst wurde die jüngste Erschließungsdebatte durch eine Ankündigung von Landeshauptmannstellvertreter Hannes Gschwentner (SP), die umstrittene Talabfahrt vom Pitztaler Gletscher nicht genehmigen zu wollen. Die Betreiber hatten nach der Katastrophe in der Kapruner Stollenbahn eine Chance gewittert, "aus Sicherheitsgründen" einen lang gehegten touristischen und ökonomischen Wunsch erfüllt zu bekommen: eine Talabfahrt über bisher unberührte Teile des Gletschers und das idyllische Griestal. Ihrem Argument, wenn die Stollenbahn ausfallen sollte, würden bis zu 4000 Touristen auf 2800 Meter Seehöhe festsitzen, folgte im November 2001 der Landtag mit einer "Lex Pitztal", die Ausnahmen vom Verbot weiterer Gletschererschließungen vorsieht, wenn dadurch im "Notfall" Touristen aus einem Gebiet gebracht werden können.

Gschwenter ist aber nun zum Schluss gekommen, dass das eingereichte Projekt mehr Fragen offen lasse, als es beantworte. Neben einer massiven Stein- und Eisschlaggefahr, einer für viele Skifahrer schwer zu bewältigenden Pistenneigung von 39 Grad nennt Gschwentner das Problem einer im Herbst (also während der Hauptsaison am Gletscher) mangels Schnees kaum bis ins Tal benutzbaren Abfahrt.

"Beharren"

"Wir beharren auf unserem Projekt", betont Willi Krüger von der Pitztaler Gletscherbahn. Die vorläufige Zurückziehung sei ausschließlich erfolgt, um einen negativen Naturschutzbescheid zu vermeiden. Krüger beruft sich auf Zusagen von van Staa und verschiedener SP-Politiker (darunter Gschwentners Vorgängerin im Ressort Umweltschutz Christa Gangl).

Innerhalb der nächsten acht Wochen will Krüger nun "Gespräche führen" und dann das Projekt erneut einbringen. An Modifikationen sei nicht gedacht, aus seiner Sicht sei die geplante Piste sicher und bewältigbar.

"Machtkampf"

Krüger ortet einen "Machtkampf in der SPÖ", den Gschwentner zwar bestreitet, aber dennoch einen "nicht abgeschlossenen Diskussionsprozess" zugesteht. Die künftige Gewichtung zwischen Naturschutz und Arbeitsplätzen sei in der SPÖ noch nicht entschieden.

2001 ist der Versuch, den Gletscherschutz auch aus wirtschaftlichen Gründen anzutasten, noch gescheitert. In ein, zwei Jahren dürfte es andere Mehrheiten geben. (hs/DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2003)

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