Die diskreten Wüstlinge

5. Februar 2003, 11:20
posten

Ibsens "Gespenster" als leises Saison-Highlight im Schauspiel Frankfurt

Frankfurt/Straßburg - Kaum ist Kammerherr Alving, eine der (unmoralischen) Stützen der Gesellschaft, verstorben, hat seine Frau ein Kinderasyl in seinem Namen errichten lassen, kehrt der böse Geist zurück. Vergiftet die Puppenheim-Atmosphäre des Hauses am norwegischen Fjord. Henrik Ibsens 1882 uraufgeführte Gespenster spuken in der Regie von Stéphane Braunschweig im Schauspiel Frankfurt, nachdem sie bereits im koproduzierenden Staatstheater Straßburg Premiere hatten.

Die bösen Geister huschen durch die transparenten Wände des spartanisch eingerichteten Hauses der Witwe Helene Alving (Friederike Kammer). Der Holzfußboden knarrt unter den Schuhen der patschnassen Besucher, wenn diese vom Regen in die Traufe des Hausinneren treten.

Hier werden nämlich - nach jahrzehntelangem Auftischen von Lebenslügen - von der Dame des Hauses Wahrheiten ans Licht gebracht. Frau Helene, die den Kammerherrn Alving wegen seiner finanziellen Mittel geehelicht hatte, musste rasch feststellen, dass dessen Innenleben einem wurmigen Apfel glich: Alkoholismus, Ausschweifungen, Syphilis, Schwängerung des Dienstmädchens.

Die junge Helene flüchtete zum Hausfreund der Alvings, Pastor Manders (Udo Samel), der sie jedoch an ihre Pflichterfüllung und obligate Rücksichtnahme im Sinne der christlich-bürgerlichen Ideale erinnerte und flugs nach Hause schickte. Worauf sie alles daransetzt, den Ruf ihres Mannes zu wahren.

Das Kind des geschwängerten Dienstmädchens, welches einen zum Alkohol neigenden Tischler (Uwe Bertram) heiratete, nimmt Frau Alving zu sich ins Haus. Ihren eigenen Sohn schickt sie jedoch nach Paris und gaukelt ihm ein Idealbild seines Erzeugers vor.

Wie's der Teufel (bzw. der Unhold Alving) will, übertragen sich jedoch die Sünden des Vaters auf den inzwischen zum impressionistischen Maler gereiften Osvald Alving (Daniel Christensen), der, an Syphilis erkrankt, in Mutters Arme zurückkehrt, zudem mit Halbschwester Regine (Ruth Marie Kröger) anbandelt.

Nachdem das von Frau Alving errichtete Kinderasyl in Flammen aufging, erfährt Regine, dass Osvald ihr Bruder und außerdem krank ist. Worauf sie Türen knallend das Haus verlässt.

Delirium der Schuld

Der junge Herr setzt sich gemeinsam mit seiner Mutter auf einen Sessel (der einzige Moment körperlicher Nähe), um ihr seine Krankheit zu gestehen und sie um Sterbehilfe mit Morphiumampullen zu bitten. Dies lässt sie bei Sonnenaufgang, als der gehirnerweichte Sohn deliriert, unentschlossen aneinander geraten. Der sanfte Pianissimo-Schluss dieser nur auf Dialoge aufgebauten Familientragödie, wo die Welt einer vom Offenbarungswahn übermannten Frau erdrutschartig zusammenbricht, entspricht dieser leisen, behutsamen Regie.

Stéphane Braunschweig inszeniert intimen Kammerspiel-Ton à la Klaus Michael Grüber mit klassisch-konventionellen Anflügen. Udo Samel gestaltet den engstirnigen, in bürgerlichen Konventionen eingeschnürten Pastor Manders jedoch mit befreiender Komik. Selbst in sentimentalen Momenten filtert er deren Lächerlichkeit heraus, ermöglicht die spielerische Leichtigkeit einer sich auf das Wesentliche - und auf die Sprache der Neuübersetzung durch Angelika Gundlach - konzentrierenden Regie. Eine leise, große Arbeit, die dem Frankfurter Schauspiel ein echtes Highlight beschert.

"Ein Schauspieler kann sich keinen aufmerksameren Regisseur wünschen," meint Udo Samel über Braunschweig, mit dem er bereits als Woyzeck zusammenarbeitete. (Olga Grimm-Weissert/DER STANDARD; Printausgabe, 5.02,2003)

Share if you care.