Charmante Exzentriker mit Rückgrat

7. Februar 2003, 00:04
4 Postings

Robert Forster, Kopf der australischen Kult-Band The Go-Betweens, über das neue Album "Bright Yellow, Bright Orange" und das Bohème-Leben

Der Sänger und Gitarrist der australischen Kult-Band The Go-Betweens, Robert Forster, sprach mit Karl Fluch anlässlich des Erscheinens des Albums "Bright Yellow, Bright Orange" über seine Bohemia-Besessenheit, alte Pullover und die Notwendigkeit des Extra-Biskuits zum Kaffee.


Wien - "Kürzlich hat jemand die Go-Betweens mit seinem alten Lieblingssweater verglichen. Ich fand das eine sehr schmeichelnde Einschätzung. Trotzdem versuchen wir, unserem Bandnamen entsprechend, ein wenig unberechenbar zu bleiben. Ja, wir sind ein alter Sweater, aber wir liegen in der Auslage und rufen: Wir sind Prada!"

Der Mann, der hier über seine eigene Anekdote lachen muss, heißt Robert Forster und ist eine der beiden Fixbesetzungen der Go-Betweens.

Über eine Band wie The Go-Betweens nachzudenken, bedeutet sich mit Begriffen wie Berufung und Idealismus zu beschäftigen. Anders kann man sich der qualitativ hochwertigen Kontinuität dieser Band gewordenen Ausnahmeerscheinung nicht nähern. Denn einzig ein schicksalshaft anmutender Zwang zur Treue zu sich selbst kann eine Band zu einem Phänomen werden lassen, das, trotz des "Mankos", mit einem Rückgrat ausgestattet zu sein, in einem (ökonomischen) System mit stark beschleunigten Abläufen bei gleichzeitig sinkenden Aufmerksamkeiten, so lange überlebt hat, wie Robert Forster und Grant McLennan.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass die Go-Betweens "nie zwanghaft nach oben, sondern bloß weiterkommen wollten", wie Forster beim Sinnieren über die Band-Biografie rekapituliert

Vor 25 Jahren in Sydney als Duo gegründet, galt die kontinuierlich wachsende Gruppe Mitte der 80er-Jahre als Kult und wurde nicht selten als "beste Band der Welt" bezeichnet. Natürlich eine Übertreibung, aber im Falle dieser intellektuellen Romantiker schien derlei Euphorie irgendwie opportun.

Immergrüne Songs!

Robert Forster und Grant McLennan unterzogen das Erbe von Velvet Underground und Bob Dylan einer zeitgemäßen Neudefinition, die in immergrüne Songs wie Spring Rain, Head Full Of Steam, The House Jack Kerouac Built oder The Streets Of Your Town mündete und ihnen so prominente Fans wie Michael Stipe von R.E.M. bescherte.

Am Vorabend einer möglichen Weltkarriere und nach einer gemeinsamen Tournee mit R.E.M. löste sich die Band 1989 plötzlich auf. Ohne Streit, sondern aus privaten Gründen: "Wir waren einfach vom Hamsterrad des Popzirkus erschöpft: Platte aufnehmen, touren, wieder eine Platte einspielen. Das wirkte sich ungünstig auf unser aller Privatleben aus."

Trotz der Auflösung blieben McLennan und Forster weiter aktiv. Die 90er-Jahre brachten eine Reihe von Soloarbeiten der gleichwertigen Songwriter hervor und im Jahr 2000 kamen die beiden mit einem neuen Album als The Go-Betweens wieder.

Nun erscheint das achte Album der Band, Bright Yellow, Bright Orange. Mit poppigem Folk-Rock eröffnet es ein Zeitloch voller Bohemia-Fantasien, Referenzen an die 60er-Jahre und lebensschlauen Beobachtungen. Robert Forster: "Ich bin besessen von der amerikanischen Sixties-Bohemia. Weniger von der Literatur als vom Lebensstil. Nicht vom ,Summer of Love' oder vom schlechten Geruch von Woodstock am dritten Tag. Ich denke dabei an die frühen Byrds und an europäisch anmutende Kaffeehäuser. An San Francisco. Im Frühling 1965. Bei 25 Grad."

Trotz solch exakter Lebenskünstler-Vorstellungen dominieren Themen der "guys next door" das Werk der Go-Betweens. Dargebracht mit einer Haltung, die Forster zusammen mit McLennan im "Hit" der neuen Platte, dem Song Too Much Of One Thing wunderbar verdeutlicht: "Nothing in my life is numbered, In my life nothing is planned, You might think you see purpose, When what you see is a band."

Obwohl ein eventueller kommerzieller Durchbruch noch immer auf sich warten lässt, wirken diese Zeilen nicht, als stammten sie von jemandem, der an seinem Lebensentwurf zweifeln würde. Forster: "Wir tun, was wir können. Solange das jemandem gefällt, ist das ein sehr zufrieden stellender Zustand. Man kann sogar davon leben! Deshalb bereue ich nichts. Gut, in Businessdingen sind wir heute intelligenter als früher, aber in der Mischung aus Unschuld und Romantik, mit der wir begonnen haben, war kein Platz dafür. Solange der Zauber einer neuen Platte und die Inspiration, die dazu führt, aus den Go-Betweens nicht entweicht, haben wir keinen Grund, unglücklich zu sein."

Und: "Wir stoßen immer noch auf großen Enthusiasmus seitens unserer Fans. Das bestärkt unser Tun und deshalb arbeiten wir sehr hart für jedes Album, auch wenn die Ergebnisse ganz locker klingen. Aber wir gehen nicht bloß ins Studio und nehmen die ersten zehn Songs auf, die uns gerade so einfallen."

Das kann man unterschreiben. Jedes Go-Betweens-Album war und ist für sich ein kleines großes Meisterwerk. Unaufdringlich aber prägnant, durchdacht und verhalten sexy. Die Hörer bekommen mit jedem Song nur das Beste geliefert, das Sahnehäubchen vom Kaffee. Forster: "Exakt - und auch noch etwas Biskuit auf einem Teller extra."
(DER STANDARD; Printausgabe, 5.02,2003)

The Go-Betweens:
Bright Yellow, Bright Orange
(Im Vertrieb von Ixthuluh)< >
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.