Gefährliche Systeme?

4. Februar 2003, 20:06
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Gesundheitspolitischer Befund zu zwei Feindbildern - ein Kommentar der anderen von Marcus Franz

Immer wieder werden in der Diskussion um Reformen im Gesundheitssystem das englische und das US-amerikanische Gesundheitswesen als Negativbeispiele angeprangert. Medienberichte über Millionen Menschen ohne Krankenversicherung in den USA und Meldungen über nicht versorgte Patienten auf endlosen OP-Wartelisten in Großbritannien suggerieren nachgerade frühkapitalistische Horrorszenarien.

Sind die Gesundheitssysteme der beiden Länder aber wirklich so gefährlich, wie oft behauptet wird? - Der folgende Vergleich macht Sie vielleicht nicht sicher, aber hoffentlich ein wenig vorsichtiger im Umgang mit vermeintlichen Gewissheiten:

Arme Briten?

Das englische System (National Health Service, NHS) ist ein zur Gänze verstaatlichtes und steht allen Bürgern gleichermaßen offen. Trotz der liberal-individualistischen Prägung des Landes gilt die Gesundheit des Einzelnen als ein im Interesse der Allgemeinheit stehendes Gut, jeder hat das garantierte Recht auf medizinische Versorgung. Das NHS wird nur aus Steuermitteln finanziert, es gibt keine explizit dem Gesundheitswesen zugeordnete Kassenbeiträge oder Prämien, das gesamte Budget wird durch die politischen Vertretungen erstellt. Arzt- oder Ambulanzbesuche und stationäre Aufenthalte verursachen dem Einzelnen praktisch keine Extrakosten.

Die planmäßige Budgetierung und entsprechende Begrenztheit der Mittel reduzieren das Behandlungsangebot auf das wirklich Notwendige und nachweislich Nützliche. Es kommt daher fallweise tatsächlich zu längeren OP-Wartezeiten, auch sind Minimaltherapien aus Rationalitätsgründen nichts Ungewöhnliches. Das Prinzip der Kosten-Nutzen-Rechnung sowie die Überprüfung der Effizienz von medizinischen Maßnahmen sind essenzielle Bestandteile der britischen Gesundheitspolitik.

Daneben existieren natürlich auch privatmedizinische Einrichtungen, die allerdings nicht für alle leistbar sind. Die jährlichen Gesamtkosten liegen mit ca. sieben Prozent des BIP zwar deutlich unter den österreichischen. Die Kennziffern betreffend Krankheitshäufigkeit, Sterblichkeit und Heilungsraten zeigen im Vergleich mit österreichischen Daten allerdings keinen signifikanten Unterschied. Dem britischen System Gefährlichkeit zu unterstellen ist daher unseriös.

Brutales Amerika?

In den USA herrscht auch im Gesundheitsbereich der freie Markt. Dem Bürger wird die Sorge um seine Gesundheit gänzlich selbst überlassen, es gibt weder Versicherungspflicht noch ein öffentliches Gesundheitssystem. Jedem steht es frei, sich je nach Wunsch bzw. persönlicher Möglichkeit um eine Krankenversicherung und sonstige Vorsorgemaßnahmen zu kümmern, staatliche Bevormundung wird abgelehnt. Alte und Bedürftige werden aber entgegen anders lautender Propaganda sehr wohl vom Staat versorgt, dafür gibt es die Programme "Medicare" und "Medicaid", die sich um Mittellose sowie Patienten über 65 kümmern. Dazu kommt noch eine Unzahl von privaten Hilfsorganisationen (NGOs), und sehr viele Firmengesellschaften bieten ihren Mitarbeitern leistbare Krankenversicherungen an. Stichwort Forschung: Der freie Markt befördert Konkurrenz und Fortschrittsdenken - 90 Prozent aller medizinischen Neuerungen kommen aus den USA, die amerikanische Forschung gilt in der Medizin als das Maß aller Dinge.

Die jährlichen Gesamtkosten schließlich liegen mit ca. 14 % des BIP deutlich über den österreichischen. Interessanterweise gilt aber auch für die USA: Die Kennziffern zu Krankheitshäufigkeit, Sterblichkeit und Heilungsraten sind mit unseren durchaus vergleichbar. Dem US-amerikanischen System Gefährlichkeit zu unterstellen ist daher ebenfalls unseriös.

Felix Austria?

Das österreichischen Gesundheitssystem verbindet Elemente aus beiden Modellen zu einer Art Zwitterwesen: Wir haben einen halbwegs funktionierenden privatmedizinischen Markt (der gerne unauffällig agiert) und einen in den vergangenen Jahren zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik geratenen öffentlichen Bereich, wobei die Ursachen der Schwierigkeiten in diesem Sektor breit gestreut und für den Einzelnen oft kaum durchschaubar sind.

Der teils öffentliche, teils privatwirtschaftliche Charakter unseres Systems bringt uns einerseits in den Genuss unbestreitbarer Vorteile wie der guten Grundversorgung, bedingt aber zugleich grobe Defizite und Unausgewogenheiten - Stichworte "inoffizielle Zwei-Klassen-Medizin" und "Intransparenz".

Ehrlicher und nachvollziehbarer sind - ungeachtet sonstiger Kritikpunkte - die beiden "Feindbild"-Modelle allemal: Die Amerikaner und Briten wissen ziemlich genau, woran sie sind.

Umso fragwürdiger sind daher die in der medialen Debatte vorherrschenden schematischen Abqualifizierungen der angelsächsischen Praxis. Dabei könnten aus differenzierten und sachlichen Gegenüberstellungen - also ohne Schwarz-Weiß-Malerei - durchaus nützliche Anregungen für Verbesserungen in unserem Gesundheitssystem gewonnen werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5.2.2003)

Marcus Franz ist praktischer Arzt in Wien
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