Neuer Opiumboom in Afghanistan

4. Februar 2003, 17:24
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Im letzten Jahr wurden rund 3400 Tonnen Rohopium hergestellt - Das ist weit mehr als befürchtet und entspricht zwei Drittel der Welt-Opiumproduktion

Wien/New York - Afghanistan ist Ausgangspunkt für 75 Prozent des in Europa konsumierten Heroins. Nach einem Anbauverbot durch die Taliban war die Ernte im Jahr 2001 gegen null gegangen und strebt jetzt - bei Durchschnittspreisen von 350 bis 450 US-Dollar pro Kilogramm und Spitzenwerten von 700 Dollar - dem Rekordstand von 4665 Tonnen des Jahres 1999 zu. So lautet das ernüchternde Fazit, das aus einem Bericht des in Wien ansässigen UN-Office on Drugs and Crime (ODC) über die Opiumwirtschaft in Afghanistan zu ziehen ist, der am Montag in New York vorgestellt wurde.

Die afghanische Regierung unter Hamid Karsai und die internationale Gemeinschaft sind damit in ihrem Bestreben, die Drogenproduktion in Afghanistan einzudämmen, fürs Erste grandios gescheitert.

Im April wird sich die Staatengemeinschaft in Wien treffen, um Halbzeitbilanz eines Zehnjahresplans der Vereinten Nationen zur Drogenbekämpfung zu ziehen, der 1998 verabschiedet worden war. Eine drogenfreie Welt in zehn Jahren hatte der damalige oberste UN-Drogenbekämpfer, Pino Arlacchi, versprochen. Sein Nachfolger, Antonio Maria Costa, ist bisher eher durch Zurückhaltung und nüchterne Analysen aufgefallen.

Nüchterner Bericht

Davon zeugt auch der nun vorgestellte Afghanistan-Bericht, der auf über 200 Seiten detailliert historische Wurzeln, soziale, wirtschaftliche und politische Ursachen der Drogenwirtschaft in Afghanistan, aber auch ihre Auswirkungen untersucht.

Mehr als zwanzig Jahre Krieg haben in Afghanistan zum Zusammenbruch von Staat und Wirtschaft geführt. Darin - und in der daraus resultierenden Armut - liegen die Hauptursachen für den Opiumboom. Vorsichtige Schätzungen über die afghanischen Einnahmen aus dem Opiumgeschäft belaufen sich auf 1,3 Milliarden Dollar, das entspricht rund 15 Prozent des Bruttosozialprodukts und ist sieben mal so hoch wie die legalen Exporteinnahmen.

Kriegskassen

Daraus fristen nicht nur Heerscharen verarmter Bauern ein Überleben. Zusammen mit Schmuggelaktivitäten, deren Volumen die Weltbank Ende der 90er-Jahre auf 2,5 Milliarden Dollar jährlich schätzte, füllen sie nicht zuletzt die Kriegskassen der Warlords. Der Zerfall der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung diente als Katalysator für die illegale Drogenwirtschaft: Seit der Sowjetintervention im Jahr 1979 in Afghanistan ist die Opiumherstellung um mehr als das 15fache gestiegen. Heute ist diese illegale Ökonomie ihrerseits eines der entscheidenden Hindernisse für den Wiederaufbau. Das ODC wies darauf hin, dass in Afghanistan der Durchschnittslohn zwei US-Dollar pro Tag betrage.

Was tun? Bisher standen zumeist Verbote und ihr möglichst energischer Vollzug im Vordergrund. Nicht immer waren sie erfolgreich und selten waren sie nachhaltig. Das gilt auch für Afghanistan, wie Antonio Maria Costa in seinem Vorwort zum Drogenbericht schreibt.

Förderung der Alternativproduktion, Einkommen für Landlose und Flüchtlinge, Jobs für Frauen und Schulen für Kinder, Stützung legaler Marktstrukturen und Kreditsysteme: Fünf von sechs Maßnahmen, die zur Gegensteuerung vorgeschlagen werden, sind entwicklungspolitischer Natur und dienen der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung. Rechtzeitig zu der in Wien anstehenden Reformdebatte scheint sich ein ganzheitlicheres Denken mit langfristiger Perspektive Bahn zu brechen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2003)

Robert Lessmann
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    Afghanische Polizisten beim Verbrennen illegaler Drogen in Kabul

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    Die Produktion von Rohopium vermag das freilich nicht einzudämmen

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