Fremde Gene im Euro oder: Schein-Freisetzung

4. Februar 2003, 11:39
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Eurobanknoten bestehen aus Baumwolle. Da diese teils gentechnisch produziert wird, enthalten bis zu zwanzig Prozent der Scheine fremde Gene

Sicher, stark, stabil: Über den Euro hört man mehr als ein Jahr nach seiner Einführung eigentlich nur Gutes. Das mag vielleicht daran liegen, dass die nun doch vermuteten Probleme nicht mit dem Euro beginnen, sondern erst mit fünf - mit dem kleinsten Geldschein, der im Auftrag der Europäischen Zentralbank gedruckt wird.

Die neuen Banknoten sehen nicht nur völlig anders aus als die alten Lappen, sie greifen sich auch ganz anders an. Die fühlbar verbesserte Qualität resultiert aus dem Rohstoff, aus dem die neuen Scheine sind - fast hundert Prozent Baumwollfasern. Das Dilemma: Fast zwanzig Prozent der weltweit produzierten Baumwolle ist bereits gentechnisch verändert. Zwei Drittel der mutierten Pflanzen werden vom US-Hersteller Monsanto angebaut: vorwiegend in den USA, Argentinien, China und seit kurzem auch in Indien.

Kein Gesundheitsprodukt

Studien über diese gentechnisch veränderte Baumwolle räumen jedoch Sicherheitsrisken ein. Völlig überraschend ist das nicht, schließlich sollte ja auch kein neues Gesundheitsprodukt entwickelt werden, im Gegenteil: Durch die Mutation fallen gefräßige Raupen mausetot von den Stängeln. Die Gentechniker haben der Baumwolle ein Gen des Bacillus thuringiensis eingepflanzt, das die Pflanze veranlasst, ein hochwirksames Insektengift zu produzieren. Laut Untersuchungen gerate durch die mit dem Gift-Gen ausgestattete Bt-Baumwolle jedoch das natürliche Gleichgewicht der Insektenwelt durcheinander. Das Risiko neuer Plagen - nicht nur für Baumwolle - erhöhe sich, Schädlinge würden immer widerstandsfähiger.

In Europa ist derartige Baumwolle aus diesem Grund noch nicht zugelassen. Da aber des Euro Rohstoff auf dem Weltmarkt eingekauft wird, könnte rein statistisch betrachtet dennoch jede fünfte Banknote der neuen europäischen Einheitswährung biotechnologisch mutiertes Erbgut enthalten. Versteckte Gentechnik aus dem Bankomat?

In der Österreichischen Banknoten- und Sicherheitsdruck GmbH darf man "aus Sicherheitsgründen leider nicht bekannt geben", woher die Baumwolle für die Scheine stammen. Und verweist auf die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Deren Sprecher, Niels Bünemann, bestätigt auf Anfrage des STANDARD, dass "nicht ausgeschlossen werden kann, dass ein Teil der Euro-Banknoten tatsächlich aus gentechnisch veränderter Baumwolle hergestellt wird".

Keine Information

Auf dem Weltmarkt, wo der Rohstoff eingekauft wird, werde "zwar nach Qualitätskriterien ausgesucht, nicht aber nach Herkunftskriterien". In den meisten Ländern, auch in den USA, werde transgenes Rohmaterial weder von konventionell oder organisch gewonnener Baumwolle getrennt, noch entsprechend gekennzeichnet. Eine Gefahr für den Menschen kann Bünemann aber nicht erkennen: "Die Scheine sind ja nicht zum Verzehr gedacht."

Freilich werden die Europäer bei aller Wertschätzung ihrer neuen Währung die Banknoten nicht verspeisen, doch muss man damit rechnen, dass etwa Kleinkinder, sofern sie die Scheine in ihre Hände bekommen, diese auch in den Mund nehmen. Und dass sich selbst Krankheitserreger, die wesentlich größer sind als die Bt-Toxin-Moleküle oder entsprechende Genschnipsel, durch die Handreichung von Banknoten erfolgreich ausbreiten, ist auch schon lange bekannt. Doch ein Risiko?

Keine klare Antwort

Die Frage nach den Gefahren durch gentechnisch veränderte Pflanzen und deren Produkte für den Menschen wird seit Jahren ambivalent beantwortet: Forscher, die für die Agrarindustrie arbeiten, sagen Nein, Wissenschafter im Auftrag von Umweltschutzorganisationen widersprechen ihnen. Der Konsument wird zwischen den beiden Positionen im Umklaren gelassen. Nicht umsonst hat die EU eine Kennzeichnung für Lebensmittel aus Gentech-Rohstoffen beschlossen - allerdings nur für Lebensmittel, nicht aber für Banknoten.

"Irgendwie riecht das nach Verschwörung, nach einer aus Industrie und Politik begründeten Allianz, die den Weg für die Biotech-Globalisierung freiräumt", vermutet der deutsche Gentechnikexperte Oliver Rautenberg: Da sich die Ablehnung der Konsumenten heute auf Gentech-Lebensmittel konzentriert, könne sich unbemerkt transgene Baumwolle im großen Stil in Europa etablieren - über das Geld. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2003)

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