Bush ist alles andere als ein Cowboy

3. Februar 2003, 19:44
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Über gottgegebene Werte und US-Werte schreibt Hans Rauscher in seiner Kolumne

Für seine (europäischen) Kritiker ist George W. Bush ein etwas dümmlicher Cowboy. Dieses Klischee taugt aber nicht zur kritischen Auseinandersetzung mit einer Person, die unser aller Schicksal ziemlich stark bestimmt.

Bush ist alles andere als ein Cowboy; er ist ein Kriegspräsident, der beharrlich und konzentriert vorgeht. Seine Rede vor einem Jahr, in der er den Irak, den Iran und Nordkorea zu einer "Achse des Bösen" verband, kann als bloße Verlegenheitsrhetorik begriffen werden - oder als Aktionsprogramm. Dass er sich vorbehalte, gegen "geistig labile Diktatoren mit Massenvernichtungswaffen" auch präventiv vorzugehen, hat Bush bereits im Juni 2002 verkündet. Daraus wurde eine Doktrin und man muss den Schluss ziehen, dass er sie auch umsetzt - gegen den Irak, aber vielleicht nicht nur gegen den Irak.

Cowboys schießen aus der Hüfte. Bush folgt offensichtlich einem Plan - und einem persönlichen Bekehrungserlebnis. Die Vulgär-und Banal-Kritik an ihm konzentriert sich auf seine angeblichen oder tatsächlichen intellektuellen Fähigkeiten. Unter den Tisch fällt dabei seine eigene Errettungserfahrung und ihre politischen Auswirkungen.

Bush junior ist in zweifacher Hinsicht ein bekehrter Alkoholiker. Mit Ende Dreißig war er der nichtsnutzige Sohn eines reichen, erfolgreichen, patrizischen Vaters - ein Weiberheld und Trinker. Dann fand er Jesus. Um aus der Spirale eines ziellosen Lebens herauszukommen, wurde er unter dem Einfluss des charismatischen Predigers Billy Graham religiös, trank fortan keinen Tropfen mehr und ging in die Politik. Das klingt wie der Stoff für eine Satire (am besten von Tom Wolfe), aber jeder Therapeut weiß, dass ein dramatisches Erlösungserlebnis und die Bindung an neue, starke Werte oft der Weg aus der Selbstzerstörung ist.

Als Folge davon gibt es nicht nur Bibelstunden im Weißen Haus, sondern eine Grundphilosophie, die in religiösen Mustern von Gut und Böse, Licht und Finsternis definiert wird.

Es ist auch nichts Schlechtes, wenn ein so mächtiger Staatsmann ein Bewusstsein davon hat, dass es das Böse wirklich gibt und dass man ihm von Zeit zu Zeit entgegentreten muss. Es wäre der schlimmste Fehler, Bush für einen Heuchler zu halten, dem es in Wirklichkeit "nur ums Öl" geht. Darum geht es ihm auch, aber mehr noch um einen Auftrag, den die USA seiner Meinung nach zu erfüllen haben: "An diesem Punkt in der Geschichte ist es so, wenn es ein Problem in der Welt gibt, erwartet man von uns, dass wir es lösen", sagte er in einem Interview mit Bob Woodward für dessen Buch Bush at War. "Das ist der Preis der Macht. Das ist der Preis dessen, wo die Vereinigten Staaten stehen. Wir werden ihn zahlen."

Seine Außenpolitik basiere auf einem "Wertesystem, bei dem es keine Kompromisse gibt ... und wenn die Werte gut genug für unser Volk sind, dann sollten sie auch gut genug für andere sein, aber nicht, um sie aufzuzwingen, denn es sind gottgegebene Werte. Das sind nicht US-Werte".

Das ist ein überlegtes Programm zur Veränderung der Welt. Es ist eine radikal neue Antwort auf radikal neue Gefahren und Probleme wie den Terrorismus und den Aufstieg des Islamismus. Bush hat offenbar beschlossen, die Zustände in jener Weltregion anzugehen, in der es als praktisch einziger in der Welt keine Bewegung in Richtung Selbstbestimmung und Fortschritt gibt, sondern nur Despotismus und Ver-steinerung - der arabisch-islamischen. Das ist wahrscheinlich immens gefährlich, vielleicht eine Chance, jedenfalls aber kein tumbes Cowboy-Gehabe. Wir sollten das im eigenen Interesse schnell begreifen. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2003)

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