"Inspektoren haben versagt"

3. Februar 2003, 19:40
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Am Vorabend der Powell-Rede vor der UNO: Ein im Exil lebender Exberater des irakischen Atomwaffenprogramms wirft "den Herren" Blix & Co. schwere Versäumnisse vor - Ein Kommentar der anderen von Khidir Hamza

Angesichts von Berichten über ihre mangelnde Bereitschaft, mit den beiden UNO-Chefinspektoren zu kooperieren, betrachten die Irakis die Waffenprüfer nicht länger als "unabhängige Experten". Vom früheren Chef der irakischen Militärindustrie, Saddam Husseins Berater Amir Rashid, wurden sie offiziell als Spione bezeichnet.

Genau diese unerbittliche und feindselige Haltung des Irak führte 1998 zur Ausweisung der UNO-Waffeninspektoren und in weiterer Folge zur heutigen Konfrontation.

In Anbetracht dieser Vorgeschichte und all dessen, was seitdem im Irak passiert ist, enthalten die Berichte von Blix und ElBaradei einige besorgniserregende Überraschungen. Die UNO-Resolution 1441 verlangt, dass der Irak seinen Abrüstungsverpflichtungen im Hinblick auf Massenvernichtungswaffen sowie der dazugehörigen Produktionsstätten und Ausgangsmaterialien nachkommt. Darauf haben sich die Inspektoren bisher konzentriert.

Die Resolution 1441 ermächtigt die Inspektoren aber auch, Informationen über Waffen und Produktionsstätten durch eingehende Befragung irakischer Experten innerhalb oder außerhalb des Landes, aber selbstverständlich ohne irakische Überwachung zusammenzutragen.

Mauer des Schweigens

Um sicherzustellen, dass diese Gespräche ohne Angst vor Repressalien durchgeführt werden können, hat die Resolution die Inspektoren auch autorisiert, ganze Familien außer Landes zu bringen. Die Möglichkeit, ungehindert mit irakischen Experten zu sprechen, war immer ein essenzieller Bestandteil bei der Aufklärung irakischer Waffenprogramme. Ohne diese vertraulichen Gespräche behält der Irak die Kontrolle über alle Informationen, die man den Inspektoren zur Verfügung stellt. Nachdem nämlich die Inspektionen im Jahr 1998 ausgesetzt wurden, begann der Irak unermüdlich eine undurchdringliche Mauer rund um die für Waffenprogramme verantwortlichen Personen zu bauen.

Fortan galten für die kleine irakische Expertengemeinde strenge Sicherheitsbestimmungen. Einige wurden überhaupt umgebracht, andere ins Gefängnis geworfen. Die Familienmitglieder der Experten lebten unter ständiger polizeilicher Beobachtung.

Größtenteils waren diese Maßnahmen erfolgreich. Die Welt weiß momentan nur wenig über die internen Abläufe im irakischen Waffenprogramm. Trotz schlechter Bezahlung und beinahe unzumutbarer Lebensbedingungen - miserables Gesundheitssystem, unzureichende Stromversorgung und Ausreisesperre - ist seit 1998 kein einziger höherrangige Experte aus diesem Programm in den Westen übergelaufen.

Unfassbar, dass weder Blix noch ElBaradei auf Gespräche mit Experten außerhalb des Iraks drängten, obwohl ihnen bewusst ist, dass dies der einzig mögliche Weg wäre, ergiebige Befragungen durchzuführen. Für beide bedeutet Abrüstung einfach nur die Beseitigung von Waffen und Ausrüstung, so man sie findet. Das System zu verstehen und daraus Strategien zu entwickeln, wie man es zerschlagen könnte, stand nicht auf ihrer Tagesordnung.

So wurde auch die irakische Weigerung, Experten für Gespräche zur Verfügung zu stellen - und somit der entscheidende Faktor ihrer Verweigerungsstrategie -, nur am Rande des Inspektionsberichtes erwähnt.

Die Tatsache, dass durch diese Verweigerung nichts über die irakische Infrastruktur der Waffenerzeugung in Erfahrung gebracht werden konnte, wurde einfach beiseite geschoben.

Verkennung der Lage

Die Inspektoren zauderten selbst dann noch, als sie über handfeste Beweise des irakischen Betruges stolperten. So fanden sie beispielsweise in einer relativ neuen Lagerhalle ein Dutzend neuwertiger Gefechtsköpfe für chemische Waffen, spielten jedoch die Bedeutung ihrer Entdeckung total herunter, indem sie meinten, diese Gefechtsköpfe wären ohnehin leer gewesen. Auf die Idee, dass die Lagerung von Gefechtsköpfen in leerem Zustand einfach nur den elementaren Handhabungsrichtlinien entspricht, ist niemand gekommen. Die Lagerung mit chemischen Substanzen gefüllter Gefechtsköpfe wäre nämlich nicht nur gefährlich, sondern auch verschwenderisch: Ein mit Chemikalien gefüllter Gefechtskopf würde mit der Zeit korrodieren, wodurch die Waffe nach längerer Lagerung leckt und damit unbrauchbar wird. Blix aber nannte das "kein ernstes Problem" und sah überdies davon ab, vom Irak Informationen über die Giftstoffe zu verlangen, die in diesen Gefechtsköpfen verwendet werden.

ElBaradei war sogar noch großzügiger. Ohne jemals einen einzigen Wissenschafter vertraulich befragt zu haben, und nur auf Grundlage verschiedener Radioaktivitätsmessungen und einiger Proben erklärte er, es gäbe keine Beweise, dass der Irak sein Atomwaffenprogramm wieder aufgenommen hätte.

Dies ist eine bedauerliche Wiederholung der Vorstellungen, die die Internationale Atomenergiebehörde 1990 und 1994 lieferte, als sie unter Blix' Leitung dem Irak einen Persilschein bezüglich seiner Atomwaffenentwicklung ausstellte. Erst nachdem Saddams Schwiegersohn, der ehemalige Leiter der irakischen Militärindustrie Hussein Kamel, in den Westen floh, gelang es Blix, Einblicke in das ehrgeizige Atomprogramm des Irak zu bekommen. Am schockierendsten ist aber, dass im Bericht der Inspektoren nicht klar und unmissverständlich festgehalten wird, dass der Irak nicht willens ist, abzurüsten. Weder Blix noch ElBaradei waren bereit, die Inspektionen so lange auszusetzen, bis der Irak in eine direkte und offene Zusammenarbeit einwilligte.

Fataler Irrtum

Die Herren Inspektoren verstehen nämlich einen entscheidenden Punkt nicht: Die Entwaffnung eines verbrecherischen und mörderischen Regimes erfordert eine strikte, nachdrückliche Vorgangsweise. Jedes Zugeständnis wird sofort als Schwäche ausgelegt. Und die irakische Regierung weiß ganz genau, wie man Massenvernichtungswaffen versteckt.

Eines dokumentiert der Bericht der Inspektoren jedenfalls nur allzu deutlich: Sie sind nicht willens oder fähig, die nötige Entschlossenheit aufzubringen, die es braucht, um der der internationalen Gemeinschaft Beweise für den Betrug des Irak zu liefern.

(Project Syndicate; Übersetzung aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier/DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2003)

Hintergrund

Der "Fall" Hamza
Kleine Ergänzung zur Frage der Glaubwürdigkeit

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    Khidir Hamzam ist Nuklearphysiker und Mitverfasser des Buches "Saddams Bombenbauer"; er arbeitete in den späten 80er Jahren als Berater der irakischen Atomenergieorganisation in Bagdad und zählte damals zu den Führungskräften des irakischen Atomwaffenprogrammes; 1994 emigrierte er in die USA

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