Die einaktigen Opernzwillinge

2. März 2003, 23:53
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"Cavalleria Rusticana" und "Pagliacci" in Linz

Linz - Dirigent Dennis Russell Davies musste sich sputen, um zur Premiere zeitgerecht zu erscheinen. Zu Mittag noch hatte er eine Matinee in Salzburg geleitet, am Abend erfüllte er sich dann einen alten Wunsch: erstmals die Hits Cavalleria Rusticana und Pagliacci zu dirigieren, die Pietro Mascagni und Ruggiero Leoncavallo 1890 bei einem Wettbewerb eingereicht hatten.

Da nahm er sich intensive drei Stunden Zeit für großes, expressives Gefühlstheater. Und obwohl in der Kommunikation im und über dem Orchestergraben noch nicht ganz reibungslos klappte, realisierte er mit dem Bruckner Orchester spannungsgeladenen, auch sentimentalen Verismo mit Vorteilen für Pagliacci.

Unterstützt wurde er dabei vom schlüssigen Regiekonzept Chris Alexanders und der klaren, multifunktionalen Bühne von Marina Hellmann. Beide machten aus den Opern tatsächlich Zwillinge mit gleichen Physiognomien. Eine einzige soziale Folie dient den individuellen Gefühlsausbrüchen von Turiddu, Canio und Co. als zwingender Rahmen, in dem sich die Bilder fast eins zu eins wiederholen.

Die originalen Schauplätze transportierten sie in die 50er-Jahre - geändert hat sich an der Archaik der Verhältnisse nicht viel, auch wenn aus dem jungen Bauern Alfio ein Schlurf auf seiner Maschin' und aus Bauernkleidern schicke Glockenröcke wurden. Es ist wie ein Film, der, mit variierten Sequenzen und Personen, gewissermaßen zweimal abläuft; er spielt die Lieder vom Tod mit großer Operngeste und mit Zitaten aus Fellinis La Strada. Eine sanfte Modernisierung.

Vor, neben und auf der großen Treppe zum Kircheneingang hinauf, dynamisiert durch die Bewegungen der Drehbühne sowie des Lichtdesigns, tummeln sich Hauptdarsteller und Volk. Die weiblichen Hauptrollen sind exzellent besetzt: Karen Robertson (Santuzza) und Arantxa Armentia (Nedda). Pedro Velázquez Díaz singt mit hellem Tenor den Turridu etwas steif, Giancarlo Ruggieri grob und bemüht, aber sehr ausdrucksstark den Canio.

Hervorragend Andrej Baturkin in der einzigen Doppelrolle des Abends als Alfio und Tonio. Der Chor des Landestheaters spielt lebendig mit. Und das Publikum durfte uneingeschränkt jubeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2003)

Von Reinhard Kannonier
  • Szenenfoto "Pagliacci"
    foto: staatsoper/zeininger

    Szenenfoto "Pagliacci"

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