Schicksalstag am Hühnerhof

3. Februar 2003, 21:14
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Geistvoll: Frank Castorf inszeniert "Trauer muss Elektra tragen" in Zürich

Amerikas Flagge hängt über der Orestie. Sie wird auch am Schluss noch da sein, obwohl inzwischen eine stolze Familie zugrunde gegangen ist, verrottet vom Krieg, zerrüttet im Inzest. Die Trilogie Trauer muss Elektra tragen, die Eugene O'Neill 1931 schrieb, verlegt den Mythos in die Zeit nach dem Sezessionskrieg. Er erkennt hinter der offiziellen Erfolgsgeschichte der USA eine unaufhörliche Kette von Katastrophen und Gewalt.

Der Autor entdeckte in seinem Werk selbst erfreut eine "unreal reality". Man mag sich fragen, ob er damit das meinte, was nun auf der Zürcher Pfauenbühne zu sehen ist: Alles wirkt realistisch, das Weiße Haus der Mannons, der Fernseher und die Coke in der Küche, und sogar die Hühner im Garten sind echt.

Durch das Drehbühnenbild von Bert Neumann erhält man auf raffinierte Weise einen Blick auf und einen Einblick in das Familienleben. Und je länger man hinschaut, desto mehr möchte man sich abwenden, auf so großartige und doch beklemmende, humorvolle und brutale Weise wird die Geschichte erzählt - und gleichzeitig eine Zerstörungs- maschinerie knirschend in Gang gesetzt. Regisseur Frank Castorf "aktualisiert" das Stück nicht oberflächlich, aber legt viel Unerwartetes in O'Neills Text bloß und bleibt ihm treu: eine Parforce-Leistung theatralischer Fantasie.

Natürlich begnügt sich Castorf nicht mit der Post-Strindbergschen Kühle und Distanziertheit des Texts. Was an dem dreieinhalb Stunden langen Abend als Erstes auffällt: Es geht ran an den Körper. Kämpfe und Ausbrüche finden statt, geradezu epileptisch, mitten im unscheinbarsten Dialog.

Sexualität und Gewalt, bei O'Neill noch hinter den Worten verborgen, treten unvermittelt und grausam hervor. Am deutlichsten wird das in der Szene, in der Orin und Lavinia Brant, den Liebhaber der Mutter, ermorden. Was im Original als Einbruch verschleiert ist, wird hier zum Sexualverbrechen. Jeder scheint jeden zu begehren und zugleich abzustoßen.

Nur der komische, etwas simple Gärtner Seth (Siggi Schwientek) hat sich mit einer Asiatin die einfachste Sexvariante ins Haus geholt. Aber gerade das verweist auf eine weitere Ebene, die Castorf einfügt. Demontiert wird der WAMP. Hazel und Minnie werden mit einer Afrokubanerin und einer Asiatin (den Laien Aniesse Cabeia und Rosa Galina) besetzt, und diese Frauen kündigen den Amis bald ihre Rebellion an. Castorf verlässt im Detail O'Neill und weicht für Momente zu Heiner Müller aus.

Gören und Tragöden

Selbst die Qualität des Bühnendeutschen wird hier zur Aussage. Was bei Hazel und Minnie holprig, aber authentisch daherkommt, wird in Lavinias hoher Sprache zum manischen Pathos. Und gerade das macht die Zürcher Aufführung so faszinierend. Rückhaltlos geben sich die Schauspieler in ihre Rollen: Bibiana Beglau als Lavinia, ein nicht fixierbares Wesen zwischen Göre und Tragödin; ihre Mutter Christine, von Sylvana Krappatsch, großartig als Filmdiva verkörpert; der Orin von Marc Hosemann, ein vom Krieg zerbrochener Orest; der stets hippe Nachbar Peter Niles (Oliver Mallison); schließlich in der Doppelrolle als Vater und Liebhaber Bernhard Schütz.

Sie alle tragen diese ebenso grelle wie ruhige Inszenierung, die Verdrängtes so beunruhigend hervorbrechen lässt. Monumentales ereignet sich im Hühnergehege. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2003)

Von Thomas Meyer aus Zürich
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