Pech gehabt. Weiter geht's!

2. März 2003, 23:05
posten

Im Wirtshaus des Werner Schwab sind Menschenfresser unter sich: "Übergewicht, unwichtig: Unform" im Wiener Ensembletheater

Wien - Auf den Theatermüllhalden, wie sie die 90er-Jahre-Dramatik spätestens seit Shopping and Fucking heraufzubeschwören wusste, hatte der Steirer Werner Schwab zuvor schon ausgiebig gewühlt. Der vor neun Jahren in der Silvesternacht verstorbene Dramatiker formte und stopfte wie ein bildender Künstler (der er auch war) seine Figuren und ihre Reden gleichermaßen mit Menschlichkeitsabfall aus.

Ihr Auseinanderfallen - inklusive der wenig zimperlichen Einsicht in die Schrottmechanismen ihres Existierens - muss das Theater zeigen. Im Fäkaliendrama Übergewicht, unwichtig: Unform ist es eine kannibalische Wirtshausgesellschaft, die sich am scheinbar Schönen und Reinen labt, indem es kurzerhand das schöne fremde Paar vom Nebentisch verspeist. Die Produktion der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, bis Anfang März im Wiener Ensembletheater zu sehen, wurde im vergangenen Jahr beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender in Essen prämiert.

Regisseur Peter Gruber nimmt dabei die mit den hoffnungslosesten Insignien des Frohsinns geschmückte Wirtsstube (Bühne: Alexandre Collon und Günter Lickel) wie einen Automaten in Betrieb. In regelmäßigen Abständen schleppt sich das Fräulein Fotzi (bemerkenswert: Seraphine Rastl) auf wackeligen Beinen zu ihrem Zuhälter Karli (Tim Breyvogel), spannt ihre übergroße Unterhose vor ihm auf wie ein Sterntalerkind seine Schürze und bittet zahnlos um Geld für die Jukebox.

Zu Abbas Super Trouper tanzt dann allerdings nicht das verwundete Kind, sonder das kostbar gebaute Paar, das "echten Sekt" trinkt. Pech gehabt! Weiter geht's! (DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2003)

Von Margarete Affenzeller

Ensembletheater
1010 Wien
Petersplatz 2
01/535 32 00
Di-Sa, 19:45

  • Artikelbild
    foto: ensembletheater
Share if you care.