Roter Teppich für einen "Wirtschaftsfaktor"

9. Februar 2003, 20:53
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Mit "Chicago" starteten am Donnerstag in Berlin die 53. Internationalen Filmfestspiele - mehr und mehr als Sponsoren- und Publikumsevent

Die Zeiten, in denen man in Berlin erklärte, man könne bald den großen A-Festivals wie Cannes den ersten Rang in der Vermittlung und Vermarktung des Weltkinos ablaufen: Diese Zeiten sind vorbei.

Wenn am Donnerstag im zum Berlinale-Palast umfunktionierten Musicaltheater am Potsdamer Platz Chicago gegeben wird, dann wird zwar für Stars wie Richard Gere, Catherine Zeta-Jones oder Renee Zellweger der rote Teppich ausgerollt. Ein Weltereignis, wie man so schön sagt, ist das aber nicht: Die Musicalverfilmung, seit Wochen als Oscar-Favorit gehandelt, läuft seit ebenso vielen Wochen in den US-Kinos. Es dürfte kaum einen informierten Branchen-Insider geben, der sie noch nicht gesehen hat. Kurz: Ähnlich wie eine Viennale-Eröffnungsgala ist auch der Auftakt der Berlinale vor allem ein Paukenschlag für das regionale Publikum, ein Laufsteg für die deutschen Prominenten und Medienmacher.

Dieter Kosslick, der heuer als Intendant seine zweite Berlinale verantwortet, hat denn auch mittlerweile seine kämpferische Attitüde in Sachen internationaler Festivalkonkurrenz etwas abgemildert. "Wenn Cannes uns einen Film wegnimmt, dann nehmen wir denen zwei!" - das war einmal. Stattdessen forciert Kosslick eine Positionierung des Festivals als nationaler Branchentreff und PR-Highlight: Wieder wird der deutsche Film, einst etwas stiefmütterlich behandelt, in und außerhalb des Wettbewerbs eifrig ausgestellt. Wieder rücken Privatsender als Sponsoren sich selbst und damit dann auch wieder die Berlinale verstärkt ins Bild.

Damit einhergehend inszeniert sich das Festival zunehmend als "Wirtschaftsfaktor für Bund und Land": In einschlägigen Aussendungen wurde zuletzt vermeldet, "dass allein im Land Berlin durch die Internationalen Filmfestspiele Berlin jährlich Geldflüsse in Höhe von zirka 30 Millionen Euro erzeugt werden, von denen fast neun Millionen in Form von Steuern und Abgaben an den Staat zurückfließen. Zudem hängen mehrere Hundert Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Berlinale ab. Damit ist sie ein hervorragendes Beispiel für die heute beschworene Public-Private-Partnership."

Berlinale für alle

Und wie rückt man diese Partnerschaft volksnah ins Stadtbild? Erstmals wird die Berlinale heuer den letzten Tag, den 16. Februar, ausschließlich Publikumsveranstaltungen widmen. Mehr Wiederholungsvorstellungen sollen es noch mehr Leuten ermöglichen, "Berlinale-Filme noch während des Festivals zu sehen" - und damit wohl auch Werbung für Sat1, Volkswagen und andere Sponsoren wahrzunehmen.

In Chicago gibt es für diese Art von Öffentlichkeit ein sehr stimmiges Bild, eine Szene als Marionettentanztheater, in der alle Protagonisten an seidenen Fäden hängen, die ein cleverer Anwalt (Richard Gere) virtuos handhabt. Zwei Tänzerinnen und Sängerinnen als Mörderinnen: So eine Geschichte im täglichen Schlagzeilensalat frisch zu halten und gleichzeitig Unschuld zu behaupten - das erfordert einen gewaltigen theatralischen Aufwand. Und über solchen beschwingten Beschwörungen eleganter Manipulation ist Chicago denn auch durchaus mehr als nur eine solide Adaption eines Broadway-Erfolgsstoffes.

Regisseur Rob Marshall inszeniert nichts weniger als eine Abhandlung der subtilen Verbindungen zwischen Öffentlichkeit und Erfahrung, oft hart am Rand zu jener Schmiere, die er auch thematisiert: Renee Zellweger bedauert in der Rolle der eigentlich biederen Roxie, die von der Femme fatale bis zum treu sorgenden Mütterchen alle Erfolgsmuster durchläuft, dass sie nicht schuldig gesprochen wird. Damit läuft sie Gefahr, auch kein Star mehr zu sein. Gut möglich, dass sich auch einige der deutschen Film- und TV-Sternchen bei der Berlinale-Gala in ihr wiedererkennen.

Weltpremieren und wirkliche Entdeckungen hingegen wird man in den nächsten Tagen bevorzugt in Nebenschienen wie dem "Forum" und im "Panorama" sehen können. An der Oberfläche ist die Berlinale heuer vor allem Werbefläche für Oscar-kompatible US-Produktionen: Neben Chicago laufen unter anderem George Clooneys Regiedebüt Confessions of a Dangerous Mind, Stephen Daldrys Virginia-Woolf-Drama The Hours oder (als Abschlussfilm) Martin Scorseses Gangs of New York. Das ist nicht übel, aber wenn man hört, dass in Cannes etwa die neuen Arbeiten von Lars von Trier (Dogville) oder Quentin Tarantino (Kill Bill) Weltpremiere feiern werden, dann ahnt man: Die großen Paukenschläge ertönen auf absehbare Zeit weiterhin nicht in Berlin.
(DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2003)

Claus Philipp aus Berlin

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berlinale.de

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