Italiens junge Frauen sind Kochmuffel

3. Februar 2003, 13:19
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Fertiggerichte erleben im Stiefelstaat Hochkonjunktur - Kulinarische Erziehung wird immer lückenhafter

Rom - Im Feinschmeckerparadies Italien herrscht Alarm: Die jungen Frauen können nicht mehr kochen. Der Prozentsatz der Italienerinnen im Alter von 25 bis 35 Jahren, die sich von den Herdplatten möglichst fern halten, wächst auf Besorgnis erregende Weise, stellten Soziologen fest.

Die italienische "Mamma", die stundenlang in der Küche verbrachte, um Lasagne, Pastagerichte und Tortellini zu zaubern, ist zu einer Seltenheit geworden. Ersetzt wurde sie von einer Schar berufstätiger Frauen und Singles, die sich zu echten "Kochmuffeln" entpuppt haben.

Trübe Aussichten

Im Land der mediterranen Gastronomie sind die Aussichten trüb: Die Frauen verbringen durchschnittlich nicht mehr als 35 Minuten pro Tag am Herd. Der Prozentsatz der Italienerinnen, die offen ihre Abneigung gegen das Kochen zugeben, wächst. "Die jüngeren Generationen sind Töchter der 68er-Frauen. Sie haben von ihren Müttern keine gastronomische Kultur mitbekommen", meinen Experten. Auch das hektische Leben in den Großstädten und der Zeitdruck, unter dem die berufstätigen Frauen leiden, sei ein Faktor, der die Gourmettradition in Italien stark gefährde.

Von diesem Trend profitiert die italienische Nahrungsmittelindustrie, die mit Fertiggerichten, tiefgekühlter Pizza und vorgekochten Speisen Rekordgeschäfte macht. Der Segment der Fertiggerichte meldet einen Jahresumsatz von 63 Millionen Euro. Jährlich werden außerdem 38.798 Tonnen tiefgefrorener Gerichte verspeist, was 231 Millionen Euro entspricht. Auch das Geschäft mit den fertigen Pastasoßen beschert den italienischen Lebensmittelkolossen enorme Gewinne. Jährlich werden im Spaghetti-Land 42.125 Tonnen Pastasoßen verzehrt.

Kulinarische Erziehung immer lückenhafter

Obwohl die kulinarische Erziehung der jungen Frauen immer lückenhafter wird, steht es um die gastronomische Zukunft Italiens noch nicht ganz schlecht. "Viele Frauen setzen sich mit dem Kochen Lernen erst richtig auseinander, nachdem sie eine eigene Familie gegründet haben", berichten Soziologen. Für Spätzünderinnen hinter dem Herd florieren in Italien Kochkurse im Internet, im Fernsehen und im Radio. Das tägliche Kochprogramm des staatlichen TV-Kanals RAI 1 "La prova del cuoco", bei dem die Zubereitung schneller, aber schmackhafter Gerichte vorgeführt wird, meldet seit Monaten Rekordeinschaltquoten.

In der Industriemetropole Mailand boomen Kurse für Singles, denen gelehrt wird, mit dem Mikrowellenherd umzugehen und in zwanzig Minuten ein gesundes und fantasiereiches Abendessen zu bereiten. "Tolle Gerichte mit wenig Aufwand", lautet der Slogan der Lehrgänge, deren Erfolg die rosigsten Erwartungen übertroffen hat. Sie werden inzwischen auch massiv von geschiedenen Vätern besucht, die am Wochenende ihren Nachwuchs allein versorgen müssen. "Kochen ist schön und kann in jedem Alter erlernt werden. Man benötigt nur wenige Grundbegriffe und Lust dazu", versichert der zum Star aufgerückte Fernsehkoch Luigi Pomata. (APA)

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    epa/albir
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