Aktien-Lotto

3. Februar 2003, 09:38
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An den Börsen würde sich am ehesten eine Dreier-Wette anbieten Gastkommentar von Michael Margules

Das an den internationalen Aktienmärkten in der ersten Januarwoche entfachte Kursfeuerwerk ist endgültig verblasst, und die wichtigsten Börsenindizes bewegen sich auf Niveaus zu, die letztmals im vergangenen Oktober erreicht worden waren. Beobachter charakterisierten das jetzige Börsenumfeld als mehr von psychologischen denn von fundamentalen Faktoren beeinflusst. Dementsprechend bemühen sich mehr denn je Anlagestrategen um guten Rat, der gerade in dieser Situation für den Fall des Zutreffens berechtigterweise teuer sein dürfte. David Roche von Independent Strategy hat jüngst den Versuch gestartet, nicht nur einen Blick in die Zukunft zu werfen, sondern er entwickelte drei Szenarien, die dem Anleger zeigen, wie er sich jeweils positionieren sollte.

2003: Deflation heißt die Herausforderung

Die Basisüberlegungen sind überall dieselben: Grundsätzlich wird es global zu fallenden Preisen kommen, da hoch kompetitive Staaten aus Asien immer stärker auf den Weltmarkt drängen. Sie zwingt die Unternehmen in den industrialisierten Staaten dazu, kräftig zu rationalisieren, um ihre Gewinnmargen wieder herzustellen. Das wird in den OECD-Staaten zu höherer Arbeitslosigkeit führen, die Löhne unter Druck setzen und den Lebensstandard reduzieren.

  • 1. „Schweißtreibende Angelegenheit“

    Das erste Szenario bezeichnet Roche als „schweißtreibende Angelegenheit“ mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent. Danach wird die Doppelblase - zu hohe Schulden der Konsumenten in den USA und zu hohe Löhne in Europa - platzen und die Konjunktur fünf Jahre lang belasten. Anleger werden vor diesem Hintergrund nur dann Geld verdienen können, wenn sie in Staatsanleihen, Gold, Öl und Rohstoffen investieren, die vom Wachstum in Asien - insbesondere in China - profitieren. Sobald die „Nord-Korea-Krise“ gelöst sein sollte, könnte man in Asien auch Aktien erwerben.

  • 2. Die „Krise“

    Das zweite Szenario ist das der „Krise“ mit einer, gemäß Roche, Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent. Danach würde der notwendige Anpassungsprozess sofort auf einen Schlag stattfinden. Der Konsum würde wegbrechen. Aktienkurse und die Immobilienpreise würden auf einen Schlag um 30 bis 40 Prozent fallen und einige größere Banken und Versicherungen in die Pleite reißen. Diese Variante würde eintreten, wenn die Konflikte im Irak oder Nordkorea kurzfristig völlig aus dem Ruder laufen oder wenn die Börsen und Hauspreise in Großbritannien weiter deutlich fallen sollten. Dem Anleger helfen in diesem Fall nur Gold und Staatsanleihen durch die „Hölle“.

  • 3. Das „Durchlavieren“

    Das dritte „Roche“-Szenario besteht im „Durchlavieren“, das eine Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent hat. In diesem Fall führen geld- und fiskalpolitische Maßnahmen dazu, dass die Ungleichgewichte nicht abgebaut werden. Man schiebt die Lösung der Probleme einfach im Zyklus eine Runde weiter und damit auf die lange Bank. In diesem Fall müsste man in Aktien investieren, da die Märkte dabei wären, ihre Tiefs auszubilden.

Tipp 12X oder „Welches Schweinderl hätten’s denn gern“?

Klar erscheint, daß ein wenig verheißungsvolles Produkt aus Irak-Krieg mal schwelender Nordkorea-Konflikt mal schwaches Wirtschaftswachstum in den USA sowie Deutschland grundsätzlich für weiter nachgebende Kurse, im Falle eines Flächenbrandes aufgrund nicht vorhersehbarer dramatischer Konsequenzen in der Krisenregion Naher Osten zu einem weiteren Sell-off an den Märkten führen wird. Letzteres würde endgültig alle Trends und Dämme des Dow Jones sowie S&P brechen und in Tiefen von rund 6.000 beziehungsweise 650 führen, von Dax-Ständen um die 2.000 nicht zu reden, also eigentlich Tipp 2.

Ein Gemisch aus einem nicht stattfindenden Irak- – oder aber auch kurzfristig endenden – Krieg mit einer wie zuletzt in zarten Banden angedeuteten Aufschwung der US-Wirtschaft würde die Börsen wohl zu einer recht starken Rally animieren, im Ausmaß von 20 bis 30 Prozent innerhalb der nächsten zwei Monate. Also sagen wir Tipp 1.

Die Variante „Herr Krankl, was halten Sie von TOULOUSE-LAUTREC?“ – „Ich tippe auf ein Unentschieden!“ in Form von noch viel Jahre seitwärts tendierender Märkte wiederum zeichnet sich angesichts der unverändert Deflations-Gefahr ab, wo jeder nur darauf wartet, daß alles noch billiger wird. Letzteres haben die Börsen bereits seit nahezu drei Jahren praktiziert, und wenn auch vor einem ganz anderem volkswirtschaftlichem Hintergrund in den Jahren 1968 (Indexstand: 1.000) bis 1982 (Indexstand:800), als der Dow Jones richtungs- und lustlos hin- und herschwankte.

Und wie würde der Schreiber dieser Zeilen den Aktientotoschein ausfüllen: kurzfristig Tipp 1, mittel- bis längerfristig Tipp X!

Nachlese

--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    foto: montage
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