Hinweise auf Temperaturanstieg am Rumpf

3. Februar 2003, 16:23
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Risse am linken Flügel - Genaue Ursache aber weiter ungeklärt - Bergung dauert an - Regierung erhöht NASA-Etat

Johnson Space Center/Jerusalem - In den US-Bundesstaaten Texas und Louisiana haben Bergungstrupps ihre Suche nach Trümmern der abgestürzten Raumfähre "Columbia" und den Überresten der sieben Astronauten fortgesetzt. Eine von der Raumfahrtbehörde NASA ernannte unabhängige Untersuchungskommission bereitete sich am Montag darauf vor, ihre Ermittlungen zur Unfallursache aufzunehmen. Erste Datenauswertungen deuteten auf einen raschen Temperaturanstieg an der linken Rumpfseite der Raumfähre hin.

"Lange" Risse am linken Flügel

Auch zeige ein am fünften Tag der Columbia-Mission aufgenommenes Bild einer israelischen Zeitung zufolge deutliche Risse im linken Flügel der Raumfähre. Das in der Montagausgabe veröffentlichte Foto stamme von Fernsehbildern, die während eines Gesprächs des israelischen Regierungschefs Ariel Scharon mit dem Astronauten Ilan Ramon entstanden seien, berichtete die israelische Tageszeitung "Maariv".

Der Leiter des Shuttle-Programms, Ron Dittemore, sagte, die Unglücksursache sei noch offen. Die Regierung in Washington kündigte eine Erhöhung des NASA-Etats an. Zum Gedenkgottesdienst im Johnson Space Center in Houston für die Astronauten am Dienstag wird auch US-Präsident George W. Bush mit seiner Frau Laura erwartet.

Bergung geht weiter

Leichenteile der fünf Männer und zwei Frauen, die am Samstag an Bord der über Texas zerbrochenen "Columbia" ums Leben kamen, sowie die Trümmerteile der Fähre werden in einem ländlichen und nur schwer zugänglichen Gelände im Osten von Texas und dem Grenzgebiet von Louisiana vermutet. Mit Pferden und Geländefahrzeugen durchkämmen Polizisten und Soldaten das etwa 160 Kilometer lange und 16 Kilometer breite Gebiet.

Mehr als fünfhundert Trümmerteile der Raumfähre sind bereits im texanischen Bezirk Nacogdoches sicher gestellt worden. Die Bevölkerung war am Wochenende gewarnt worden, die Teile zu berühren oder gar fortzubringen.

Untersuchungskommission

Die geborgenen Trümmer der "Columbia" - der mit 22 Jahren ältesten US-Raumfähre - werden zum Luftwaffenstützpunkt Barksadale in Louisiana gebracht. Dort wurden am Montag erstmals die Mitglieder der unabhängigen Untersuchungskommission erwartet, die von Harold Gehman, einem Admiral im Ruhestand, geleitet wird. Gelman war stellvertretender Leiter der Ermittlungen beim Anschlag auf den US-Zerstörer "Cole" im jemenitischen Hafen von Aden im Oktober 2000.

Parallel zu Gelmans Ermittlungen forscht auch die NASA intern nach dem Ursachen des zweiten schweren Unglücks seit Beginn der Raumfährenflüge 1981. Fast auf den Tag genau Ende Jänner 1986 war die Raumfähre "Challenger" beim Start explodiert. Auch damals waren die Astronauten, darunter eine Lehrerin, ums Leben gekommen.

Temperaturanstieg an linker Rumpfseite

Eine erste Auswertung der von der "Columbia" übermittelten Daten ergab laut NASA einen plötzlichen Temperaturanstieg an der linken Rumpfseite der Raumfähre etwa fünf Minuten vor ihrem Auseinanderbrechen. Vier Minuten später habe sich die Fähre nach links gedreht, wie Dittemore erklärte. Der Autopilot habe versucht, dies zu korrigieren und die Fähre wieder nach rechts zu drehen. Kurz darauf sei das Signal abgebrochen. Konkrete Verdachtsmoment, auf die man sich bei den Ermittlungen konzentrieren könnte, gebe es aber nicht.

Bei den Ermittlungen solle auch ein Vorfall während des Starts am 16. Jänner untersucht werden, bei dem sich achtzig Sekunden nach der Zündung eine Schaumstoffisolierung von den Trägerraketen gelöst hatte und gegen die linke Tragfläche mit dem Hitzeschild geprallt war. Die Bodenkontrolle hatte darin keine ernsthafte Gefahr für die "Columbia" gesehen. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre sind Raumfähren einer Temperatur von 1.650 Grad Celsius ausgesetzt, wogegen ein Hitzeschild aus schwarzen Kacheln die Fähre schützen soll.

Wegen Kürzungen

Seit Samstag sind Vorwürfe laut geworden, das Unglück könnte im Zusammenhang mit früheren Kürzungen des NASA-Etats stehen. Ein Regierungsvertreter kündigte an, den NASA-Haushalt für das Fiskaljahr 2004 um fast fünfhundert Millionen Dollar auf 15,47 Milliarden Dollar (14,3 Mrd. Euro) zu erhöhen. NASA-Chef Sean O'Keefe hatte am Montag Gesprächstermine bei Bush und Kongressabgeordneten, um über den Fortgang der Ermittlungen zu informieren.

Nach dem "Challenger"-Unglück waren die Raumflüge fast drei Jahre unterbrochen worden, bis die Ursache für die Explosion - ein defekter Dichtungsring in einer der Raketen - gefunden war. Sollten die drei noch verbleibenden Raumfähren jetzt auch solange auf der Erde bleiben, könnte die Versorgung und der Aufbau der internationalen Raumstation ISS verzögert werden. An Bord der 95 Milliarden Dollar teueren ISS sind drei Astronauten, deren Versorgung nun von russischen Raumschiffen abhängt. (APA/Reuters)

  • Trauer am Kennedy Space Center in Florida.
    epa/muhly

    Trauer am Kennedy Space Center in Florida.

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