Tabuthema Frauenpolitik?

2. Februar 2003, 20:48
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Es ist in den letzten Jahren schick geworden, sich frauenfreundlich zu geben - ein Kommentar von Barbara Coudenhove-Kalergi

Was ist eigentlich aus der Frauenpolitik geworden? In der Liste von notwendigen Reformen, die die nächste Regierung in Angriff zu nehmen hat, kommen Frauenanliegen überhaupt nicht vor. Wie man Beruf und Familie unter einen Hut bringen soll, seit Jahrzehnten das kaum lösbare Dilemma von Hunderttausenden Frauen, sagt niemand. Man weiß schon, dass es wichtig ist. Aber in Zeiten wie diesen - und zu allen Zeiten davor - figuriert es unter Luxus. Sicher, Gesundheit, Pensionen und Staatsreform gehen auch Frauen an. Und sicher, die nächste Regierung wird vorrangig Wege finden müssen, wie man Geld einspart, nicht, wie man Geld ausgibt. Geschenkt. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der rote und schwarze Regierungen die Lebensinteressen von Frauen von Jahr zu Jahr, von Legislaturperiode zu Legislaturperiode vor sich herschieben, gibt zu denken.

Seit es eine österreichische Republik gibt, haben die Frauen Ganztagsschulen und ein flächendeckendes Angebot an Kindergartenbetreuung gefordert. Die Sozialdemokraten haben sich diese Forderungen zu Eigen gemacht - sie aber bis heute nicht erfüllt. Obwohl inzwischen längst auch die Wählerinnen aller anderen Parteien berufstätig sind und den nervenaufreibenden Slalom zwischen Kindern und Arbeitsplatz aus eigener Erfahrung kennen.

Beileibe nicht nur "linke" Frauen haben seinerzeit das Frauenvolksbegehren unterschrieben, das die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie an die oberste Stelle gesetzt hatte. Trotzdem reichte die ideologisierende Familienpolitik der schwarz-blauen Regierung nur dazu aus, das Kindergeld mit seinen bekannten Mängeln einzuführen. Und jetzt?

Angesichts der Budgetlage traut sich schon niemand mehr, die alte Forderung nach öffentlichen Ganztagsschulen auch nur auszusprechen. Aber Budgetprobleme haben auch andere Länder, und trotzdem käme es in Frankreich oder Schweden niemandem in den Sinn, die Ganztagsschulen infrage zu stellen. Die Kinder während der Arbeitszeit gut aufgehoben und sinnvoll beschäftigt zu wissen, ist dortzulande ein Recht, so grundlegend und unangefochten wie das Recht auf Altersversorgung oder Spitalsbehandlung. Auch in schwierigen Zeiten könnte es niemand wagen, daran zu rütteln.

Kinder haben und ohne wirksame Hilfe außer Haus arbeiten wollen oder müssen - das ist ein Balanceakt, den Frauen in Österreich tagtäglich vollziehen. Viele scheitern daran. Viele Kinderwünsche bleiben deshalb auf der Strecke. Viele Frauenkarrieren desgleichen. Trotzdem scheinen die meisten Frauen diesen eigentlich unmöglichen Zustand dermaßen verinnerlicht zu haben, dass sie ihn als gegeben annehmen. So wie manche Mütter automatisch ihre eigenen Bedürfnisse gegenüber jenen der anderen Familienmitglieder zurückstellen, so haben es die Frauen hingenommen, dass alles andere wichtiger ist als ihre Lebensinteressen, von Abfangjägern bis Beamtenprivilegien.

Es ist in den letzten Jahren schick geworden, sich frauenfreundlich zu geben. Alle Parteien haben sich bemüht, mehr weibliche Abgeordnete in den Nationalrat zu schicken. Eigentlich höchste Zeit, dass diese sich ihrer Macht und auch ihrer Verantwortung bewusst werden. Ihre wichtigste Aufgabe in der nächsten Legislaturperiode: deutlich machen, dass ihre Anliegen, voran die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, kein Luxus sind, sondern eine Priorität für die ganze Gesellschaft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 3.2.2003)

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