Dem Neuen und dem Schmerzlichen

3. Februar 2003, 10:28
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Ein Rückblick auf die "Mozartwoche"

Salzburg - Seit bei der Mozartwoche unter mancherlei heftigen Diskussionen die zeitgenössische Musik ein Anrecht auf Gespieltwerden und Gehör erhalten hat, überwog seitens der Musikliebhaber genau jene Skepsis, ja Abwehr, die den Komponisten jüngster Tage auch andernorts entgegenwehte.

In den letzten Jahren scheint sich dieses Reizklima jedoch zu entkrampfen, haben führende und gerade kommende Autoren sich mit Mut zu traditionellen Werten wie Emotion, Konsonanz, Melodik, Sing- und Spielbarkeit von den knöchernen Intellektübungen der frühen Nachkriegszeit verabschiedet (gleichwohl diese Phase der Zurücknahme von Plüsch und Überorchestration wohl unverzichtbar für die neue Verständlichkeit von Musik war).

Solche und ähnliche Gedanken mochten einem durch den Kopf gehen, als in einem Konzert des Mozarteum Orchesters unter der Leitung von Hubert Soudant drei Lieder von Alexander Mullenbach uraufgeführt wurden, die sich in großer Einfühlung mit Gedanken von Else Lasker-Schüler, Georg Trakl und Mozart befassen. Mullenbach beschreibt schwingende, leuchtende Kurven und Rhythmen ohne jede Scheu, einer altmeisterlichen Romantik zu huldigen, aber wichtiger noch: Er gibt dem Hörer Möglichkeit, sich mit dem Orchester und einem - sehr hoch, nicht immer textfreundlich ausgelegten - Sopranpart (Iride Martinez) anzufreunden, sich tragen und auch belehren zu lassen. Eine Musik, tatsächlich (meist!) "aus Silberfäden zart gewirkt" (Lasker-Schüler). Und ein Erfolg im Mozarteum.

24 Stunden später dann eine weitere Uraufführung: Thomas Larchers Still für Viola und Streicher mit Kim Kashkasian und dem Stuttgarter Kammerorchester unter Dennis Russell Davies. Der Tiroler Pianist bezieht sich auf die analytische Ruhigstellung von Videoverläufen, aber auch auf das Wort "Stille" in seiner ureigenen Bedeutung. Ein zuvorderst tastendes, herbes Stück ohne weltanschaulichen Anspruch von meditativer Rücksichtnahme, tendenziell ungemütlich zu erleben, aber auch ein wenig beiläufig trotz einiger Bartók-Ansätze bodenständiger Geläufigkeit.

"Trockene Blumen"

Hervorzuheben ist noch ein weiteres Konzert des Mozarteum Orchesters, dessen Frische, Lauterkeit und stilistische Wandelbarkeit zu gutem Teil auf das temperamentvolle, wirklich "wollende" Gestenmusizieren von Ivor Bolton zurückzuführen ist - dem designierten Chef ab 2004. Natürlich spielten auch die vier Mitglieder des Ensemble Wien-Berlin (Schellenberger, Dohr, Turkovic, Täubl) eine prägende Rolle, als sie Mozarts Sinfonia concertante (KV 297b) zu eine der schönsten reichlich-reichhaltigen halben Stunden der gesamten Festspiele erhoben.

Für das Kammerkonzert des gerade jubilierenden, 20 Jahre alten Ensembles hatte der Pianist Maurizio Pollini krankheitshalber abgesagt. Stefan Vladar kam für ihn und machte beste Mozart-Figur (KV 452) im konzertanten Vorfeld "Trockner Blumen", die er mit Wolfgang Schulz am Ende wohlbegossen ins imaginäre Mozarteum-Fenster stellte. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.2.2003)

Von Peter Cossé
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