"Im Fußball hat Homophobie freies Fahrwasser"

7. Februar 2008, 07:00
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Schwule und Lesben im Fußball thematisiert der europaweit ausgeschriebene Plakatwettbewerb "Homo : Foul"

Wien - "Angesichts der zu erwartenden heterosexuellen Aufladung im Juni wäre es alarmierend, würden sich Lesben und Schwule nicht auch eine Scheibe von der EURO abschneiden", erklärt Hannes Sulzenbacher, Kurator und Kulturveranstalter, im Gespräch mit dieStandard.at. Im Fußball sind Schwule und Lesben nämlich nahezu unsichtbar. "Statistisch gesehen müsste es in Österreich 25 homosexuelle Bundesligaspieler geben. Bekannt ist aber kein Einziger - auch nicht in Deutschland, England oder den Niederlanden", so Andreas Brunner, Literaturagent und Fremdenführer. Um auf diesen Missstand hinzuweisen und zur EM-Zeit ein Tabuthema anzusprechen, haben Sulzenbacher und Brunner den Plakatwettbewerb "Homo : Foul" europaweit ausgeschrieben.

Homophobie

In Deutschland gibt es bei manchen Vereinen immerhin bereits schwule Fanklubs - etwas, das in Österreich unbekannt ist. "Wir versuchen seit Wochen, Leute auf Fanclubstärke zusammenzutrommeln. Es ist aber schwierig, mutige Lesben und Schwule zu finden. Es traut sich niemand", erzählt Brunner. "Im Fußball hat Homophobie freies Fahrwasser", so Sulzenbacher.

Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußballbundes, hat erst kürzlich jedem schwulen Spieler und jeder lesbischen Spielerin Unterstützung beim Coming-Out zugesichert. Diesen Fortschritt in der Bewusstseinsbildung sehen die Initiatoren auch als Folge der Diskussion rund um die WM in Deutschland (im Juni 2006), angeregt durch Plakate gegen Homophobie und Hassgewalt. "Österreichische Clubs hingegen halten das Thema Homosexualität weit von sich weg", fügt Sulzenbacher hinzu.

Geschlechterunterschiede

"Fußballerinnen werden stigmatisiert. Von den (zumeist heterosexuellen) Kickerinnen heißt es immer, sie sind Lesben. Feminine Frauen würden nämlich nie Fußball spielen", erläutert Sulzenbacher. Für die Wettbewerbs-Jury, in der unter anderem Una Wiener, Jimmy Somerville und Gery Keszler sitzen, sollten auch deutsche Nationalspielerinnen gewonnen werden, doch es kamen ausschließlich Absagen. "Niemand wollte mit der Thematik in Verbindung gebracht werden", so Brunner.

Bei Männern ist eher die Peergroup selbst das Problem, in der es vor allem auch um Abgrenzung gegenüber dem geht, was mann sicher nicht ist. Nämlich: schwul. "Österreichische Klubs halten das Thema Homosexualität weiterhin weit von sich weg", fügt Sulzenbacher hinzu.

Den Initiatoren geht es mit ihrem Projekt nur bedingt um den Sport an sich, in welchem es nur darum gehen sollte, ob jemand gut ist oder nicht. Relevant seien vielmehr die Bilder, die aufsteigen, würde sich ein Spieler als schwul outen. "Die Bedeutungszuschreibung findet im Stadion, in den Köpfen der Leute statt. Das wollen wir hinterfragen", so Brunner.

Wettbewerb

Eine Intervention im öffentlichen Raum Wiens soll die Ausstellung von 50 Plakaten zur Zeit der EURO sein, wodurch Schwule und Lesben im Fußball in Wort und Bild thematisiert werden sollen. Alle am Wettbewerb Interessierten sind willkommen, gestalterisch ist so gut wie alles erlaubt. Ein konkreter Ort steht noch nicht fest, aber Sulzenbacher zeigt sich zuversichtlich, mit der Stadt Wien auf einen grünen Zweig zu kommen. "Österreich am Ball", welches das kulturelle Begleitprogramm zur EURO koordiniert, hat eine Zusammenarbeit hingegen abgelehnt.

Öffentlicher Raum

Die Bedeutung des öffentlichen Raums und seine Bewahrung vor Monopolisierungstendenzen schwingen bei der Aktion ebenfalls mit. "Es ist undurchsichtig, wer in der Stadt im Umfeld der EURO 2008 noch werben darf", so Brunner. So wollte die Gewista etwa erst das Siegerplakat sehen, welches ursprünglich zur Bewerbung der Ausstellung plakatiert werden sollte, ehe einer Affichierung zugestimmt werden könnte. Wie es möglich ist, ein derzeit noch unbekanntes Sujet vorzulegen, blieb ein Geheimnis.

Dem Sieger bzw. der Siegerin winkt ein Preisgeld von 2.008 Euro. SponsorInnen werden noch gesucht. Kulturelle Aktionen sind für Sulzenbacher und Brunner übrigens nichts Neues, waren sie doch maßgeblich in die Organisation des Festivals "Wien ist andersrum" involviert. Nach der Etablierung der "exotischen" KünstlerInnen im kulturellen Programm der Stadt geht es ihnen um neue Ansätze: "Queere Kulturinterventionen in der Stadt, sobald solche angebracht erscheinen", so Sulzenbacher abschließend. (Daniela Yeoh, Michael Robausch, dieStandard.at/derStandard.at, 7. Februar 2008)

Links

Weitere Informationen zum Plakatwettbewerb: www.qwien.at
(Einsendungen sind bis 30. Mai möglich)

derStandard.at/Sport: EURO 2008

  • Artikelbild
  • Andreas Brunner und Hannes Sulzenbacher
    foto: daniela yeoh

    Andreas Brunner und Hannes Sulzenbacher

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