"Geld allein für die Frauen ist zu wenig"

14. Februar 2008, 07:00
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Nupur Sanyal leitet das "Institute for Social Work" in Kolkata - Im dieStandard.at-Interview spricht sie über Mädchenarbeit in Slums, sinnvolle Sozialarbeit und den "Unwert" indischer Frauen

Inmitten von Armut, überfülltem Lebensraum und systemimmanenter Diskriminierung von Frauen versuchen die Sozialarbeiterinnen des "Institute for Social Work" (ISW), Mädchen und Frauen das Werkzeug zu "Selbstermächtigung" in die Hand zu geben - es heißt Bildung und Bewusstsein über die eigene Situation. Nupur Sanyal hat das ISW 1978 gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten gegründet, dabei hätte sie sich nach einem kurzen Ausflug in die Slums von Kolkata auch ganz einfach hinter einen Bürotisch zurückziehen können. Mit der heutigen Generalsekretärin des ISW sprach dieStandard.at in ihrer Zentrale in Kolkata über den Unwert von Frauen in der indischen Gesellschaft und die Schwerpunkte ihrer Arbeit.

dieStandard.at: Nach indischen Maßstäben sind Sie "privilegiert": Sie haben studiert und ihr Vater kommt aus einer wohlhabenden Familie: Was hat Sie dazu bewogen, eine soziale Einrichtung für Frauen zu gründen?

Nupur Sanyal: Während meiner Studienzeit habe ich einen Job als Sozialarbeiterin in den Slums von Kiddipore angenommen. Mein Vater war sehr verärgert, weil ich bis spät nachts in den Slums unterwegs war. Er machte sich Sorgen um mich und setzte mich unter Druck: Entweder du gibst den Job auf, oder du verlässt die Universität. Ich habe mich aber nicht beirren lassen.

Als die Organisation mich und andere Sozialarbeiterinnen von den Slums abziehen wollte, haben wir 1978 gemeinsam das "Institute for Social Work" gegründet, weil wir die Arbeit mit den Menschen für wichtiger erachteten, als Administratives in den Büros zu erledigen.

Es war immer mein Traum, Lehrerin in einer Dorfschule zu werden, seit ich acht Jahre alt bin. Aber diese Arbeit hier hat mich so gefesselt, dass ich nicht mehr aufhören wollte.
Es ist nicht so leicht zu erklären, warum ich mit dieser Arbeit so verbunden bin, es ist wohl die Beziehungen mit anderen Menschen. Wenn ich durch die Straßen gehe, denke ich mir oft: das könnte meine Tochter sein, das könnte meine Mutter sein. Deshalb setze ich mich für sie ein.

dieStandard.at: Wie sahen ihre ersten Schritte aus?

Nupur Sanyal: Gestartet haben wir in Kiddapore, wo ich bereits als Sozialarbeiterin tätig war. Für uns war es anfangs wichtig zu wissen, was die Frauen wirklich brauchen. Deshalb sind wir herumgegangen, und haben die Mädchen und Frauen gefragt, was ihre Probleme sind. Es hat sich herausgestellt, dass sie sich am meisten bessere Gesundheitsversorgung und ökonomisches Know-How wünschten. Deshalb haben wir anfangs Gesundheitsseminare für Frauen angeboten, später kamen dann die Bildungsprogramme hinzu.

dieStandard.at: Hat das Kastensystem einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen?

Nupur Sanyal: Das Kastensystem ist hier nicht sehr ausgeprägt, weil in dieser Gegend ca. 80 Prozent MuslimInnen leben. Aber anderswo spielt es natürlich schon eine Rolle. Wir haben ein Projekt auf dem Land, bei dem sich zu Beginn einzelne SozialarbeiterInnen weigerten, mit den Leuten zusammen zu arbeiten, weil sie aus einer unteren Kaste stammten. Wir haben die Arbeit trotzdem aufgenommen und schließlich machten auch die anderen mit. Was die Religionen betrifft, versuchen wir, die verschiedenen Bräuche und Festlichkeiten gleichwertig in unsere Arbeit zu integrieren.

dieStandard.at: Seit etlichen Jahren sind vorgeburtliche Geschlechtstests in Indien verboten, um zu verhindern, dass weibliche Föten abgetrieben werden. Inwieweit hat sich die Situation verändert?

Nupur Sanyal: Das Problem ist immer noch sehr groß, über das Ausmaß gibt es allerdings wenig Informationen, da es ja verboten ist. Femizid geschieht meistens so, dass weibliche Föten abgetrieben werden. Familien aus dem Mittelstand verwenden diese Methoden. Aber es gibt auch immer wieder Fälle, wo frisch geborene Mädchen nach der Geburt ausgesetzt werden.

dieStandard.at: Was bewegt Eltern, die ihre Kinder auszusetzen?

Nupur Sanyal: Die meisten Frauen werden unter Druck gesetzt, diesen Schritt zu tun, aber es gibt auch solche, die finden, dass es die bessere Lösung ist, das Mädchen zu töten, weil sie als Frau kein lebenswertes Leben haben würden.

Das Problem wird sich erst lösen lassen, wenn die Verwaltung Verantwortung für den Schutz der Mädchen übernimmt. In vielen Regionen Indiens haben Mädchen keinen Zugang zu Schulbildung und sie tragen wenig zum Familieneinkomen bei. Sie können außer Haus nicht arbeiten, weil es zu gefährlich wäre für sie. Aus diesen Lebensumständen heraus entscheiden Eltern, dass sie das Mädchen nicht haben wollen. Es geht in dieser Frage nicht um Gesetze, sondern um die Veränderung der Lebensumstände.

Und ich möchte noch etwas hinzufügen: Natürlich ist es nicht so, dass Frauen nichts arbeiten - im Gegenteil. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, was sich den einzelnen Regionen unterschiedlich auswirkt. In der indischen Landwirtschaft ist die Arbeit hierarchisch geordnet, Frauen bereiten das Land vor, Männer übernehmen den Anbau. Sie machen die 'wichtigen Arbeiten'. Gemeinsam mit anderen NGOs versuchen wir, die unserer Gesellschaft zugrunde liegenden Einstellungen zu ändern.

dieStandard.at: Was erwarten sie von der Regierung, um diese Verhältnisse zu ändern?

Nupur Sanyal: Natürlich müssen sie sich mehr um die Frauen des Landes kümmern. Immer wieder fallen Aussagen von Regierungsvertretern, die uns sehr deprimieren, denn auch sie sind Vertreter des Patriarchats. Was sie tun, ist uns Muster vorzugeben. Zum Beispiel unterstützen sie die Bildung von Selbsthilfegruppen unter Frauen, sie geben ihnen Geld in Form von Krediten. Aber was tun diese Frauen mit Geld? Geld allein ist zu wenig. Auch wir haben Programme mit Selbsthilfegruppen gestartet, aber mit dem klaren Ziel, Armut und Gewalt zu bekämpfen. In der Arbeit muss permanent kommuniziert werden, warum es diese Gruppe gibt, denn sie sollen ja die Gesellschaft verändern.

In den Gruppen organisieren wir zum Beispiel Protestaktionen gegen Gewalt in den Dörfern oder wir gehen gemeinsam zur Polizei, wenn eine Frau von häuslicher Gewalt betroffen ist.

dieStandard.at: Wie sehen ihre Erfahrungen mit dem Mikrokreditsystem aus?

Nupur Sanyal: Wir haben bisher an 500 Frauen Kredite vergeben und die Frauen sind fähig, diese auch zurückzuzahlen. Das liegt daran, dass wir engen Kontakt zu den Frauen haben und die Abwicklung genau überwachen. Wir unterstützen auch Fischerinnen am Ganges-Ufer, die Kredite beliefen sich auf 200 - 300 Rupies (50 Rupies sind ungefähr 1 Euro, Anm.), damit sie sich bessere Netze kaufen konnten. Etwa 100 Frauen haben von dem Programm profitiert.

dieStandard.at: Viele ihrer Klientinnen sind von Gewalt betroffen. Ist die Polizei hilfreich beim Einsatz gegen häusliche Gewalt?

Nupur Sanyal: Ja, wenn Frauenorganisationen auf sie zukommen, sind sie kooperativ. Wenn Frauen allerdings allein zur Polizei gehen, werden sie meistens abgewiesen oder ihnen werden Vorwürfe gemacht, warum sie sich gegen ihren Mann stellen. Man muss allerdings unterscheiden zwischen Stadt und Land. Der Domestic Violence Act hat nicht die Wirkung gezeigt, die er erzielen sollte. Die Gesetze werden nicht befolgt.

dieStandard.at: Auf politischer Ebene hat Indien mehrere mächtige Frauen hervorgebracht: Gelten Indira oder Sonja Ghandi als Rollenmodelle für Frauen in Indien?

Nupur Sanyal: Es stimmt, dass beide sehr machtvoll sind. Aber sie tun nichts dazu, andere Frauen zu ermächtigen, d.h. sie sind keine Förderinnen von Frauen.

dieStandard.at: Das ist in Europa nicht anders. Politikerinnen müssen nicht unbedingt Feministinnen sein.

Nupur Sanyal: Ich sehe mich nicht als Feministin. Frauen sollen Macht haben und nicht unterdrückt werden. Aber Männer sind auch menschliche Wesen. Ich glaube nicht, dass alles, was Frauen machen, richtig und alles, was Männer tun, falsch ist.

dieStandard.at: Wie sehen ihre Pläne für die Zukunft aus?

Nupur Sanyal: In unserer Arbeit geht es darum, ein Modell zu schaffen, an das Frauen glauben können, einen Platz, der ihnen gehört. Dazu gehört gesetzliche Beratung, eine kleine Bücherei usw. Ziel ist es, die Frauen so selbstbewusst zu machen, dass sie daran glauben, ihre Situation selbst verändern zu können.

Wir planen auch ein Frauenzentrum, in dem Frauen, die von Gewalt bedroht sind, Zuflucht finden. Zusätzlich soll es gesetzliche Beratung und Bildungsangebote geben, aber freilich nur, wenn wir die Mittel dafür aufbringen. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 14.2.2008)

Hintergrund

Seit 1978 ist das Institute for Social Work im Großraum Kolkata aktiv. Zu der Einrichtung gehören mehrere Häuser, u.a. eine Bildungsstätte für Schulmädchen in Kolkata sowie ein Frauenkrisenzentrum für von Gewalt betroffene Frauen. Gewaltopfern kann das IWC bisher nur eine kurze Unterkunft sowie eine allgemeine psychologische und rechtliche Beratung bieten. Weiterer Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Alphabetisierungskurse und Mikrokredit-Programme mit Frauen auf dem Land.

  • Nupur Sanyal (56) wollte eigentlich Lehrerin an einer Dorfschule werden. Nun betreut sie u.a. Schulmädchen aus den Slums von Kolkata.
    foto: freudenschuss
    Nupur Sanyal (56) wollte eigentlich Lehrerin an einer Dorfschule werden. Nun betreut sie u.a. Schulmädchen aus den Slums von Kolkata.
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