Über den Umweg der Frauen

31. Jänner 2008, 07:00
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Die Realität in der indischen Mega-City Kolkata ist von Massenarmut, Umweltverschmutzung und der Missachtung von Frauen geprägt - NGOs üben die Ermächtigung "von unten"

Wieviele Menschen in Kolkata leben, weiß niemand so genau. Dabei gibt es Zahlen - aber diese eint nur, dass sie sich von anderen Angaben unterscheiden. Zwischen 14 und 17 Millionen liegen die Schätzungen über die Einwohnerzahl der westbengalischen Hauptstadt samt ihren zahlreichen Vororten, die sich ins flache Innenland erstrecken und Kolkata, wie die Stadt seit 2001 nun wieder offiziell heißt, zu einem der dichtbesiedeltsten Gebiete Indiens macht.

Diese aus westlicher Perspektive unverständlich erscheinende Unwissenheit über die eigene Bevölkerungszahl ist nicht nur Ausdruck einer scheiternden Verwaltung. Sie ist auch Resultat eines rasanten Bevölkerungszuwachses, der sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Herausbildung von Mega-Cities manifestiert hat. Armut, Landflucht und die Nähe zum krisengeschüttelten Nachbarstaat Bangladesch lässt zudem jeden Tag unzählige Menschen in das Ballungsgebiet aufbrechen. Die Neuankömmlinge siedeln sich dort an, wo sie Platz finden, sei es in den stets wachsenden Slums von Kolkata, in denen schätzungsweise 40 Prozent der Gesamtbevölkerung leben, oder in den kleineren Vorstadtsiedlungen, wo es meist keine Strom- und Wasserversorgung gibt.

Massenarmut

Eine 30-prozentige AnalphabetInnen-Rate, Massenarmut, fehlende Arbeitsplätze und die drastische Umwelt- und Luftverschmutzung sind nur einige Probleme, die in Kolkata immer wieder neue Fassetten zeigen. Für Frauen sind die Lebensbedingungen besonders belastend, da sie traditionellerweise vom Bildungssystem ausgeschlossen wurden und kaum über eigene Einnahmequellen verfügen.

Zusätzlich trifft sie das, was man leichtfüßig als Bürde des Patriarchats bezeichnen könnte: Indische Frauen unterstehen ihr Leben lang der Autorität von Männern - in ihrer Kindheit dem Vater, später dem Ehemann. Das traditionelle Mitgiftsystem stellt arme Familien vor das Problem, sich Töchter nicht wirklich leisten zu können. Die Folge ist die gezielte Tötung von weiblichem Nachwuchs, ein grausames System, dem die indische Regierung auch mit dem gesetzlichen Verbot von pränatalen Sex-Tests nicht beizukommen vermag.

Da die Tochter früher oder später das Haus verlassen wird, investieren die Eltern auch weniger in ihre Ausbildung als in die der Söhne. Zweitere stellen schließlich die Altersvorsorge der Eltern dar. Das fehlende Sozialsystem, Armut und traditionell-religiöse Normen schärfen in der indischen Gesellschaft den Blick auf Frauen als belastend und weniger wert.

Mehr Handlungsfähigkeit für Frauen

Vor diesem Hintergrund hat sich die katholische Frauenbewegung in den 1980ern entschlossen, einen Schwerpunkt ihrer entwicklungspolitischen Arbeit in Indien anzusiedeln. Sie unterstützt lokale NGOs bei ihrem Versuch, bessere Lebensbedingungen für Frauen zu erwirken. Der Weg dahin führt über die Frauen selbst, so lautet das Selbstverständnis der AktivistInnen vor Ort und der ProjektpartnerInnen in Wien.

Der zentrale Schlüssel, um Frauen in dieser desolaten Situation ein Stück weit handlungsfähiger zu machen, wird in der Bildung gesehen. Neben Alphabetisierungsprogrammen liegt der Schwerpunkt der unterstützten Projekte auf der Vermittlung gesundheitlicher, landwirtschaftlicher und rechtlicher Grundkenntnisse. Frauengruppen in ländlichen Siedlungen, aber auch mehrere Projekte in den Slums von Kolkata sind am Laufen. Die Ermächtigung von Frauen soll sich dabei nicht individuell erschöpfen, sondern auch die Organisation unter Frauen befördern.

Geleitet wird in diesem Rahmen auch der Zusammenschluss von Frauen in sogenannten Spargruppen. Ziel dieser Selbsthilfegruppen ist es, Frauen im Umgang mit Geld vertraut zu machen, indem sie monatlich kleine Summen Geld ansparen. Ist eine größere Summe erreicht, kann das Geld schließlich in größeren Investitionen angelegt werden oder als Sicherheit für einen Kredit im staatlich finanzierten Mikrokreditsystem verwendet werden.

Im Jahr 2006 hat die katholische Frauenbewegung allein in Indien 58 Projekte mit 490.000 Euro unterstützt. Die Mittel dafür stammen aus der Aktion "Familienfasttag", die seit über 50 Jahren in der österlichen Fastenzeit organisiert werden. Mit ihrem Ansatz, von Beginn den missionarisch-religiösen Auftrag in der entwicklungspolitischen Arbeit auszusparen, hat sie sich als Vorreiterin im Kampf um globale Gerechtigkeit etabliert. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 31.1.2008)

Hintergrund

Die "Aktion Familienfasttag" der katholischen Frauenbewegung beginnt normalerweise am Aschermittwoch und endet zu Ostern. Neben öffentlichen Fastensuppenessen in Pfarren sowie Sammelaktionen während der Messen beteiligen sich auch Familien an der Fastenaktion, in dem sie an einem Tag als Zeichen der Verbundenheit mit benachteiligten Menschen eine Fastensuppe essen und das Ersparte spenden.
Spendenkonto der Kfbö: PSK 1 250.000

Link

www.teilen.at

 

 

  • Bewohnerinnen des Dorfes Mollik Para. In dem muslimischen Dorf wurden vor zwei Jahren Selbsthilfegruppen gestartet.
    foto: angelika kampfer
    Bewohnerinnen des Dorfes Mollik Para. In dem muslimischen Dorf wurden vor zwei Jahren Selbsthilfegruppen gestartet.
  • Haupteinnahmequelle vieler Dörfer Westbengals ist der Reisanbau.
    foto: angelika kampfer
    Haupteinnahmequelle vieler Dörfer Westbengals ist der Reisanbau.
  • Leben am Straßenrand in den Slums von Kolkata.(Alle Fotos: Angelika Kampfer)
    foto: angelika kampfer
    Leben am Straßenrand in den Slums von Kolkata.
    (Alle Fotos: Angelika Kampfer)
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