Einkommen: Frauen rutschen weiter ab

29. Jänner 2008, 12:08
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Einkommenschere in der EU schließt sich, aber nicht in Österreich: weniger Frauen in Topjobs als noch 2001, und für die gleiche Arbeit gibt es im Vergleich zu Männern noch weniger Geld

Frauen verdienen in Österreich für die gleiche Arbeit im Schnitt bereits 20 Prozent weniger als Männer. Vor einem Jahr betrug der Abstand auf Stundenlohnbasis noch 18 Prozent. Das geht aus dem Gleichbehandlungsreport der EU-Kommission hervor, der am Donnerstag in Brüssel vorgestellt wurde.

In der EU liegt der durchschnittliche Gehaltsunterschied bei 15 Prozent, also ein Viertel niedriger als in Österreich. Die Entwicklung in der EU zeigt einen langsamen Rückgang der Unterschiede von lange 17 Prozent Differenz zu nunmehr 15 Prozent seit zwei Jahren. In Malta und Belgien sind die Unterschiede mit drei und sieben Prozent am geringsten, in Estland mit 25 Prozent am höchsten.

Auffallend dabei ist auch, dass der Unterschied in den neuen, ehemals kommunistischen EU-Mitgliedstaaten deutlich unter dem Schnitt liegt (siehe Tabelle). Noch deutlicher zeigt sich die Entwicklung beim Anteil der Frauen im höheren Management: In der EU ist er zwischen 2001 und 2006 von 30,1 auf 32,6 Prozent gestiegen, in Österreich hingegen 30,3 auf 28,7 Prozent gefallen.

Besonders große Zuwächse von Frauen in Führungspositionen gab es Italien mit einer Fast-Verdoppelung von 17,8 auf 32,9 Prozent, in Großbritannien (von 31,0 auf 34,8 Prozent) und in Frankreich (von 35,6 auf 38,5 Prozent).

Schlüsselrolle Kinderbetreuung

Die Gründe für die unterschiedlichen Entwicklungen sieht die Kommission vor allem in den stark abweichenden Möglichkeiten in den einzelnen Staaten, Kinder in die berufliche Laufbahn integrieren zu können. Vor allem in den Ländern, die viel Geld in die Kinderbetreuung steckten, gebe es einen hohen Frauenanteil auch in Führungspositionen. Schlechte Kinderbetreuungsmöglichkeiten wiederum brächten deutlich längere Unterbrechungen der Karrieren.

Die Frauen müssten oft auf Teilzeitjobs ausweichen, was wiederum mit ein Grund für die Gehaltsunterschiede wäre, da eine Teilzeitstunde auch schlechter bezahlt werde als eine "Vollstunde".

Ursachenforschung auf Landesebene ist in der Studie nicht enthalten. Allerdings würden Entwicklungen in gewissen Zeiträumen schon Rückschlüsse auf gewisse gesellschaftspolitische Modelle zulassen, hieß es in der Kommission eher vorsichtig auf die Frage, ob das Familienkonzept der schwarz-blauen Koalition für die aufgezeigte Entwicklung in Österreich von 2001 bis 2006 verantwortlich sein könnte.

"Ungebremste Talfahrt"

Als "eine ungebremste Talfahrt der Frauenpolitik in Österreich" bezeichnet Brigid Weinzinger, Frauensprecherin der Grünen, die Ergebnisse des EU-Reports. "Die Situation der Frauen am Arbeitsmarkt ist dramatisch. Österreich entfernt sich bei der Gleichstellung immer weiter vom EU-Durchschnitt. Es ist höchste Zeit, dass die Frauenministerin die Notbremse zieht und gemeinsam mit ihren RegierungskollegInnen ein wirksames arbeitsmarktpolitisches Maßnahmenpaket schnürt, sonst sind wir bald EU-Schlusslicht in Sachen Gleichstellung", fürchtet Weinzinger. "Während die Frauen bei den Studienabschlüssen die Männer längst überholt haben, finden wir in den heimischen Führungsetagen immer weniger Frauen. Im EU-Schnitt kommen jedoch immer mehr Frauen in Managementpositionen."

Frauenministerin Doris Bures meinte, dass mit der SPÖ-Regierung eine "Aufholjagd" gestartet worden sei. Dies zeige auch die Schaffung eines eigenen Frauenministeriums. Außerdem sei "die Zeit reif für eine Diskussion über Frauenquoten in Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen nach dem norwegischen Vorbild". Dort haben zuletzt knapp 50 norwegische Aktiengesellschaften schriftliche Verwarnungen erhalten, weil sie in ihrem Aufsichtsrat noch nicht die gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote von 40 Prozent erfüllt haben. "Das norwegische Beispiel hat Charme", sagt Bures.

Wirtschaftsstaatssekretärin Christine Marek sieht Österreich zwar am richtigen Weg, doch bestehe Handlungsbedarf. Notwendig werde es sein, traditionelle Rollenbilder aufzubrechen und "Frauen verstärkt in männlich dominierte Berufsfelder vordringen zu lassen". (Michael Moravec aus Brüssel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.01. 2008)

 

 

 

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