Heilen und Wissen als weibliche Tradition

2. Februar 2008, 15:00
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Anthropologin Barbara Tedlock widmet sich der Kunst von Schamaninnen und ihrer Bedeutung für die menschliche Zivilisation

Generationen von Gelehrten, die den Schamanismus als ausschließlich männliche Kunst beschrieben haben, sehen sich in Barbara Tedlocks "Kunst der Schamanin" mit zahllosen Fakten konfrontiert, die mehr als nur die Existenz von Schamaninnen beweisen können. Vielmehr kommt die Forscherin zum Schluss, dass der Beginn der menschlichen Zivilisation von Frauen geprägt wurde; und sie liefert schlüssige Beweise für ihre These, dass auch Frauen von jeher bedeutende Schamaninnen waren und es immer noch sind.

Ihre Großmutter Nokomis war eine große Heilerin. So lernte die Autorin zwar schon als Mädchen den Schamanismus der Ojibwe, eines indigenen Volkes aus Nordamerika, kennen, stand dem Schamanismus aber trotzdem skeptisch gegenüber. Barbara Tedlock studierte zuerst einmal Anthropologie, kehrte in die Welt der herrschenden Wissenschaften und der westlichen Medizin ein - bis sie bei Feldforschungen im Hochland von Guatamala schwer an Grippe erkrankte. Die einzige Helferin, die sich ihrer annehmen konnte, war eine Schamanin. Zehn Jahre lernte Tedlock bei ihr und ihrem, ebenfalls als Schamane initiiertem, Mann die Kunst des Heilens, des Wahrsagens und des Kontakts mit einer Welt jenseits der sichtbaren und überprüfbaren Realität. Barbara Tedlocks Fähigkeiten als Forscherin (und die Hilfe ihres ebenfalls als Anthropologen ausgebildeten und als Schamanen initiierten Mannes) ermöglichten ihr tiefe Einblicke in den Schamanismus.

Wichtige Rolle

In ihrem Buch berichtet die Autorin, dass Schamaninnen in den Anfängen unserer Zivilisationsgeschichte für das Überleben der Menschen eine wichtige Rolle spielten, was von der herrschenden Wissenschaft bis heute nicht wahrgenommen wird. Je genauer die uralten Gräber, Felszeichnungen, Frauenskulpturen zwischen Australien, Südamerika und Europa untersucht werden, und - was sehr wichtig ist - je häufiger auch Forscherinnen an diesen Untersuchungen beteiligt sind, desto öfter stehen in den Forschungsergebnissen Frauen und deren Wissen und Können im Zentrum. Eines der wichtigsten Forschungsergebnisse von Tedlock ist: Es gab und gibt sehr viele Schamaninnen. Sie hatten und haben einen weit größeren Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaften, als lange Zeit angenommen wurde und noch immer nicht in der ganzen Bedeutung wahrgenommen wird.

Mit ihrer Analyse von archäologischen Funden und mit der Dokumentation zahlloser moderner schamanischer Zeremonien auf der ganzen Welt zeigt die Anthropologin jene Kräfte auf, welche Frauen für den Schamanismus geradezu prädestinieren würden: Der weibliche Zyklus als Verbindung mit kosmischen Prozessen ebenso wie die weibliche Erotik als Schlüssel zu Trance und Ekstase und die spirituellen Aspekte von Geburt und Geburtshilfe. Ihre wissenschaftliche Ausbildung hält Tedlock aber davon ab, in platte Biologismen zu verfallen.

Die Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen mit der Schilderung von aktueller schamanischer Arbeit der Heilerinnen, in der die Frauen auch mit Männern zusammenarbeiten, machen das Buch zu einem anregenden Lehrbuch des Schamanismus; umrahmt von aufschlussreichen Beschreibungen des Alltags der Menschen durch die Jahrtausende. (Ruth Devime, dieStandard.at, 2.2.2008)

Barbara Tedlock.
Die Kunst der Schamanin.
Heilen und Wissen als weibliche Tradition.
Edition Trickster im Peter Hammer Verlag, 2007.
416 Seiten / 25,70 Euro.
ISBN 978-3-7795-0156-5.

Zur Person
Barbara Tedlock ist die Enkelin einer Hebamme und Heilerin der Ojibwe und wurde im Hochland Guatemala als Schamanin der Kiche Maya initiiert. Sie forscht und lehrt als Distinguished Professor of Anthropology an der School of American Research in Santa Fe, New Mexico. Lange Jahre war sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Dennis Tedlock die Herausgeberin der Zeitschrift The American Anthropologist. Die Autorin zahlreicher anthroplogischer Schriften lebt in Bufflo/New York und Santa Fe/New Mexico.

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