Der junge Marx: Genius oder Dogmatiker

2. Februar 2003, 18:00
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Die Philosophin Christine Recht entlarvte in "Warum mit Marx marschiert, aber schlecht Walzer getanzt werden kann" erste Züge des Totalitarismus

Hartnäckig hält sich zumindest die Legende über den jungen Marx: als empathischen Dialektiker im Sinne Hegels, deduktiv astrein wissenschaftlichen Überbauer für den Sozialismus, als flamboyanten Idealisten. Es darf entzaubert werden: Die Philosophin Christine Recht entlarvte in der Publikation "Warum mit Marx marschiert, aber schlecht Walzer getanzt werden kann" für die Schriften des jungen Marx erste Züge des Totalitarismus:

Primär Rüstzeug des Stalinismus oder geniale philosophische Schriften: Ausnahmeregelungen und Rehabilitationen vor Vorverurteilungen wollte so manche/r für den brillianten und begeisternden Marx für sich entdecken. Als Genie dürfte er sich nur allzu früh auch selber verstanden haben. Obwohl vielen seiner Zeitgenossen in intellektueller Hinsicht hinterhertänzelnd - wenn auch prophetischer als alle anderen - wollte er selbst Marschmusik entfachen: für ein Orchester, in dem nur er den Takt angibt.

Vom Philosoph zum Dogmatiker

Ein Blanko-Prädikat "wissenschaftlich" für alle Schriften von Marx wurde nicht nur von ihm selbst händeringend beschworen, sondern auch von einigen Anerkannten wie etwa Otto Neurath und Max Adler aus dem Wiener Kreis attestiert. Eine kleine Gemeinsamkeit mag dafür den Ausschlag gegeben haben: Ablehnung von Metaphysik. Der Reibebaum Hegel, im 19. Jahrhundert noch deren Inbegriff, war mit dem Attribut spiritistisch belegt worden, und obwohl Marx als Student der Philosophie Junghegelianer war und als Schreiber (noch nicht Chefredakteur) der "Rheinischen Zeitung" bis etwa 1842 blieb, änderte sich das mit Herbst 1844 radikal, als er mit Engels "die Heilige Familie" publizierte. Die Prämissenentscheidung gegen die Metaphysik und für den Materialismus fiel in nur zwei Jahren. Hierin liegt nach Recht der Schlüssel für die Frage: Genie oder Taktierer?

Der selbsternannte Herakles

"Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein" aus der "deutschen Ideologie" von Marx und Engels: Idealismus und metaphysische Aufgeklärtheit hallen da noch nach. Sie waren aber seiner eigenen Ideologie, in den Pariser Manuskripten sukzessive entwickelt, bereits gewichen.

Christine Recht porträtiert das Bild eines Marx auf Ruhmsuche hin zum Strategen, der mit Heilsversprechungen und Erlösungsformeln an seiner eigenen Unsterblichkeit arbeitete. Prometheus, den Marx noch in seiner Dissertation 1841/42 Hegel entgegenhielt, nahm bis 1844 die Gestalt des Proletariats an. Er selbst schwang sich über die Auseinandersetzung mit der Nationalökonomie zum Gott gewordenen Herakles auf.

Wer zu letzt lacht - Rundumschläge

Marx gelang seine Selbstveredelung auch durch blindwütiges Anschwärzen - nicht nur Hegels, den er eher glücklos mit dessen eigenen Waffen zu schlagen versuchte, sondern anfänglich paradoxerweise auch der Arbeiterschaft. "Wir sind der festen Überzeugung, dass nicht der praktische Versuch, sondern die theoretischen Ausführungen des Kommunismus die eigentliche Gefahr bildet" schrieb er in der "Rheinischen Zeitung", zu deren Chefradakteur er im Oktober 1842 bestellt wurde. Wilhelm Weitling, in der Schweiz als Gewerkschafter tätig und einer der ersten Kommunisten, wurde darin ebenso angegriffen wie das Judentum ? für Marx der Inbegriff des Kapitals. Und ein neuer Stern in der deutschen Philosophie stand nun auf der Marxschen Tagesordnung des Diskreditierens: Feuerbach.

Keine Chasteté bei den Pariser Manuskripten

Um der Zensur zu entgehen, fuhr Marx 1943 nach Paris, wo er mit Ruge die deutsch-französischen Jahrbücher veröffentlichen sollte. Nach intellektuellen Debatten mit Proudhon und Lektüre Ricardos, Adam Smiths und Jean Baptiste-Says schien ihm zu dämmern, wie sehr er als Philosoph nicht nur Feuerbach, sondern auch anderen, die vor ihm "Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum" gefordert hatten, hinterher trottete. Dem revolutionären Ton der Jahrbücher des 25jährigen Marx haftete also schon damals etwas Altbackenes an.

In den darauf folgenden Pariser Manuskripten, erst 100 Jahre später veröffentlicht und von vielen als Waffe gegen den Stalinismus verstanden, wurde zwar der Begriff "Arbeit" überhaupt erst aufs Podest gehoben. Hier wird aber auch der zünftige Dogmatismus klar ersichtlich. Marx prangert die geistige Entmündigung der Arbeiterschaft nicht nur an, sondern benutzt sie als Ziegel wie Mörtel für seine eigene Theorie.

Achten Sie auf die Marke

Im Windschatten seiner Zeitgenossen (Feuerbach, Weitling) und der Ereignisse (Schlesischer Weberaufstand 1843) musste Marx handeln, um seine Apotheose einzulösen. Die Folgen waren neue Rundumschläge, für deren Einschlagskraft aber das Aushängeschild Engels benötigt wurde. Karl Marx ernannte Engels kurzerhand zum Koautor für die "heilige Familie" ? einer Polemik gegen Junghegelianer und damit seine eigenen Wurzeln, um an dessen Ruhm mitzunaschen und verfestigt seine eigene Legende durch Selbstzitate. In "Die deutsche Ideologie" unter dem etablierten Doppelmarkennamen echauffierte er sich daraufhin gegen Bauer, Stirner und Feuerbach, in "Das Elend der Philosophie" schließlich gegen Proudhon.

Marx hat, so deckt Christine Recht mit viel Ironie auf, sich nicht nur im gut vertuschten Plagiat von Hegel und Feuerbach versucht, sondern vor allem einen nie kritisiert: sich selbst. Sein Basteln am totalen Menschen brauchte einen Übervater, und darum schrieb er sich in seinen Zwanzigern selbst zum Frankenstein.

Christine Rechts Dissertation ist beim WUV Verlag erschienen.

Die Arbeit im Volltext (Anmeldung erforderlich).

Die Autorin:

Christine Recht, Dr. der Philosophie, arbeitet als Lehrerin in Wien (Gitarre, Spanisch, Philosophie); ab 2000 in mehreren Initiativen gegen die Wende aktiv (z.B. BürgerInnen- Initiative Neuwahlen, s. www.neuwahlen.at). Kommentare in "Falter" und "Der Standard"; in den 70ern Redakteurin des "Klassenkampf".
Forschungsschwerpunkte: praktische Philosophie, Wissenschaftskritik, Metaphysik in der Politik, philosophische u.a. Voraussetzungen einer neuen politischen Kultur

Rezension von Oliver Gingrich
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