Die Columbia ist verloren

2. Februar 2003, 22:08
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Experte: "Katastrophe geht auf Missmanagement zurück" - 3500 Defekte im Kabelsystem der Columbia gefunden - Erste Wrackteile im Internet zum Kauf angeboten

Houston/Cape Canaveral - "Columbia, Houston. Com check." Stille. Flug STS-107 meldet sich nicht mehr. Immer wieder versucht das Spacecenter in Houston/Texas am Samstagmorgen die Kommunikation zum Spaceshuttle herzustellen. Doch das Raumschiff ist verloren. Mit ihm sieben Astronauten und alle Computerdaten, die Aufschluss über die Ursachen der Katastrophe geben könnten. Die Ermittler sind auf die telemetrischen Aufzeichnungen vor dem Ende des Kontakts angewiesen und auf die Trümmer der Columbia, die verstreut in einem Gebiet von über 1000 Quadratkilometern vom Himmel gefallen sind.

Mehrere Kommissionen beschäftigten sich am Sonntag mit der Aufklärung des Unglücks. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht ein Vorfall, der sich bereits beim Start des Raumgleiters ereignet hatte. Damals hatten sich Teile der Isolierung eines Außentanks gelöst und mehrere Kacheln des Hitzeschildes der linken Tragfläche beschädigt. Die Nasa hatte dies zunächst als unerheblich eingestuft. Der Leiter des Raumfährenprogramms, Ron Dittemore, sagte jedoch am Samstagabend, es sei nicht ausgeschlossen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Defekt am Hitzeschild und der Katastrophe gebe.

Mögliche Unglücksursache

Bereits wenige Stunden nach dem Unglück hatten Beobachter es als wahrscheinlich bezeichnet, dass eine Beschädigung der aus Keramikkacheln bestehenden Isolierschicht der Columbia die Katastrophe verursacht haben könnte. Diese Schicht soll ein Verglühen der Raumfähre beim Abbremsen vor der Landung verhindern. "Es könnten auch mehrere Hitzeschildkacheln auf einmal abgeflogen sein", sagte der deutsche Astronaut Ernst Messerschmid.

Sein deutscher Kollege Ulrich Walter sagte dem TV-Sender n-tv zum Zustand der Tragfläche: "Ich denke, hier an dieser Stelle hat die Nasa einen Fehler gemacht." Die Nasa sei unter dem Druck gestanden, wissenschaftliche Experimente zu machen, denn ein Ausstieg zur Reparatur der Schäden hätte zwei Besatzungsmitglieder für zwei Tage gebunden. - Nachher sei man allerdings immer schlauer, betonte Walter.

3500 Defekte gefunden

Der frühere Nasa-Ingenieur Don Nelson will bereits vergangenen Sommer an US-Präsident George W. Bush appelliert haben, "ein katastrophales Raumfährenunglück" zu verhindern. Nelson, der nach 36 Jahren bei der Nasa 1999 in den Ruhestand ging, sagte der britischen Sonntagszeitung The Observer: "Die jüngste Katastrophe ist auf das verheerende Missmanagement an der Nasa-Spitze zurückzuführen." Im August 2002 seien Risse in den Brennstofftanks der Shuttle-Startanlage entdeckt, einen Monat zuvor sei von offizieller Stelle das "unzureichende Management des Sicherheitsprogramms" bemängelt worden. im August 2000 wurden angeblich im Kabelsystem der Columbia 3500 Defekte gefunden.

Leichenteile entdeckt

Die Armee durchsuchte indes das 1280 Quadratkilometer große Gebiet, in dem der Trümmerregen des Shuttles niederging: Neben sichergestellten Wrackteilen in vier Bundesstaaten wurden in der texanischen Ortschaft Hemphil in der Nähe von Überresten der Raumfähre auch Leichenteile (ein Hüftknochen und ein Schädel) gefunden. Ob es sich dabei um sterbliche Überreste der Astronauten handelte, konnte zunächst nicht geklärt werden.

Die US-Behörden warnten die Menschen eindringlich davor, Trümmer anzufassen. Fundstücke (das größte bisher entdeckte hatte das Ausmaß eines Autos) konnten über eine US-weit geschaltete Telefonhotline gemeldet werden. Erste Wrackteile wurden allerdings bereits am Sonntag im Internet zum Kauf angeboten. Das Online-Aktionshaus Ebay stornierte den Auftrag sofort. (AP, APA, AFP, Reuters, red- Der Standard Printausgabe, 3.2.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Teil der Columbia.

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