Pressestimmen: Blairs Kapital schwindet

2. Februar 2003, 11:08
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Internationale Kommentatoren zur Krise in der EU-Irak-Politik

Den Haag/London/Paris - Auch am Samstag beschäftigten die Divergenzen innerhalb der EU hinsichtlich der Haltung zur Irak-Krise die Kommentaoten der internationalen Presse:

Zur Erklärung der acht europäischen Staats- und Regierungschefs zur US-Politik gegenüber dem Irak meint der niederländische konservative "Telegraaf" am Samstag:

"Die Aktion der acht stellt eine deutliche Ablehnung der Art und Weise dar, wie Deutschland und Frankreich die europäische Initiative an sich gezogen hatten, indem sie ein militärisches Vorgehen gegen den Irak ablehnten. Zuvor hatte Tony Blair seine pro-amerikanische Haltung deutlich gemacht, ebenfalls ohne Rücksprache mit seinen europäischen Kollegen. So wird nie etwas aus einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Die EU verliert in diesem Bereich jede Glaubwürdigkeit. (...) So lange sich die EU auseinander dividieren lässt, behält Amerika die Zügel in der Hand und hat die NATO keine Rolle zu spielen. Das ist genau, was Europa seit Jahren zu ändern versucht. (...) Wenn es künftig einen ständigen EU-Präsidenten und einen echten Außenminister der EU geben sollte - wen vertreten die dann, wenn Europa wieder in mehrere Lager zerfällt?"

Der liberale britische "Guardian" kommentiert am Samstag die Auswirkungen der Irak-Krise auf die politische Zukunft von Premierminister Tony Blair:

"Blair hatte es in seinen ersten Jahren so leicht. Jetzt muss er das Vertrauen wieder gewinnen, das ihm damals ohne jede Anstrengung zuschlug. Was hat sich geändert? Die Antwort ist: Der Irak - und George W. Bush. Die Regierung von Bush hat Tony Blair furchtbar geschadet. Die aggressive Weltpolitik von Bush und das offensichtliche Verlangen Blairs, an seiner Seite zu stehen, haben das politische Kapital Blairs in einem alarmierenden Ausmaß schwinden lassen. Der Wähler vergibt und vergisst nicht. Blair stehen schwere Monate bevor."

Die unabhängige französische Tageszeitung "Le Monde" meint am Samstag, der britische Premierminister setze darauf, auch Paris im Irak-Konflikt auf seine Seite zu ziehen:

"Was Frankreich angeht, hat Großbritannien die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben. Ein wenn auch spätes Eingehen des französischen Präsidenten Jacques Chirac auf die militärische Option wäre für Tony Blair von entscheidender Bedeutung. Damit würde nämlich seine eigene Position erheblich gestärkt, vor allem mit Blick auf die Skepsis seiner Landsleute. Außerdem rechtfertigte ein solches französisches Einlenken im Nachhinein seine Loyalität gegenüber Washington. Und wenn es nicht dazu kommt? Da kann man nichts machen, so hat Blair die Frage beantwortet, ein "unvernünftiges Veto" im Sicherheitsrat dürfte ihn nicht vom Handeln abhalten. Damit war Frankreich angesprochen."

Zur Ehrenrettung Blairs tritt die konservative Londoner "Times" an, wenn sie zum Treffen zwischen Blair und Bush schreibt:

"Die Beziehung zwischen US-Präsident George W. Bush und Premierminister Tony Blair ist subtiler und ebenbürtiger als Viele annehmen. Blair als Schoßhund der USA zu sehen, ist ebenso fehl am Platz wie die Kritik von Nelson Mandela. Großbritannien als viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt muss endlich aufhören, Minderwertigkeitskomplexe zu haben. Denn es war Blair, der den Weg über die Vereinten Nationen durchsetzte. Blair ist in den letzten 18 Monaten keineswegs Präsident Bush blind gefolgt, sondern er war der Architekt der Anti-Terror-Strategie des Westens." (APA/dpa)

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