Platzwunder hinter Filz

12. Februar 2003, 13:44
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Ein multifunktionales Raummöbel bildet das Herzstück in einem Dachgeschoßausbau von Rataplan

Eng, niedrig und mit an Fahrlässigkeit grenzender Schlampigkeit notdürftig ausgebaut: So präsentierte sich der einer Altbauwohnung zugeordnete Dachboden in der Wiener Sporkenbühelgasse, ehe sich seine neuen Eigentümer an einen gründlichen Umbau wagten. Das Wirrwarr der hölzernen Dachbalken verhinderte, dass das Raumvolumen tatsächlich nutzbar war. Die eingebaute Bad-Zelle war ein finsteres Loch, und einen hölzernen Hauptträger hatte man bei einer früheren Umbaumaßnahme substanziell so beleidigt, dass er sich bereits gefährlich bog.

Dass man hier nur mit einer grundsätzlichen Neustrukturierung der Konstruktion weiterkommt, war den Architekten von Rataplan von vornherein klar. Dass mehr daraus zu machen ist, als nur eine kleine Dachkammer, ebenfalls. Deshalb haben sie die Stützen und die quer durch den Raum laufenden Holzbalken entfernt. Ihre statischen Aufgaben übernahm eine neue Stahlrahmenkonstruktion. Mit ihrer Hilfe wurde der Raum freigespielt und seine Ausdehnung auf das mögliche Maximum erweitert, ohne die Dachhaut zu verändern.

Träger der Stahlkonstruktion per Kran durch ein kleines Dachfenster

Das klingt einfach, verlangte aber sowohl Planern als auch Ausführenden einiges an Einfallsreichtum und Geschick ab. Die einzelnen Träger der Stahlkonstruktion wurden zum Beispiel per Kran durch ein kleines Dachfenster eingefädelt. Viel Aufwand, der sich aber gelohnt hat, denn schon der nackte Raum präsentierte sich um einiges brauchbarer als das einstige Winkelwerk. Um die gewonnene Großzügigkeit nicht durch neue Trennwände zunichte zu machen, übernimmt entlang der Wohnungstrennwand ein vielseitiges "Raummöbel" alle notwendigen Funktionen. Die offene Küche ist zum Raum hin mit einem quaderförmigen Arbeitsblock gefasst. Seitlich bergen rot lasierte Schrankwände alle Küchenutensilien, und es gibt sogar einen kleinen, betretbaren Abstellraum als Speisekammer-Ersatz. Hinter einer schräggestellten, mit Filz bespannten Wand, die vom Stiegenaufgang ins Raumzentrum weist, verbirgt sich das Bad. Es ist nicht einmal fünf Quadratmeter groß. Trotzdem haben Badewanne, Waschtisch, WC und Waschmaschine genug Platz. Abstellflächen und Schränke sind in die Wände integriert. Licht kommt durch verglaste Schlitze an den Nahtstellen zwischen Filzwand und angrenzenden Wänden. In die von zwei Seiten bedienbare rote Schrankwand ist als besonderes Extra noch eine kleine Durchreiche zwischen Badewanne und Küche integriert. Die Botschaft: Auch bei wenig Platz und begrenztem Budget sind kleine Träume vom luxuriösen Leben erfüllbar.

Kompaktes Implantat

Über der Küche kragt die Badezimmerdecke als Baldachin aus. Selbstverständlich bleibt auch diese Fläche nicht ungenützt. Eine extrem schmale, aber stabile und mittels rahmenförmigen Handgriffs erstaunlich bequem zu begehende Stahltreppe führt auf eine Liegefläche unter den Dachschrägen. Sollte die ohnehin schon schlanke Treppe zu viel Platz wegnehmen, lässt sie sich im Spalt zwischen den Wänden bündig verstauen. Durch das kompakte Implantat blieb nicht nur das gesamte Raumvolumen erfahrbar. Es definiert den Raum, dient als Blickfang und ist so etwas wie der gute dienende Geist dieses Dachbodenausbaus. Die eingesetzten Materialien sind einfach: preiswerte Seekieferplatten, die mit einer Lasur veredelt wurden und an den Deckenuntersichten hellgrau lackiert wie Metall wirken, dazu der dunkelgrau melierte Filz, der wiederum konträre haptische Erfahrungen ermöglicht. (Franziska Leeb, DER STANDARD Printausgabe 1/2.2.2003)

Information

Architekturbüro Rataplan, Kohlgasse 11, 1050 Wien, Tel. 544 06 25

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