Gewichtiges Echo

15. August 2003, 21:07
posten
Ein erwartungsgemäß enthusiasmierter Adorant der kulturhauptstädtischen Murmetropole wusste kürzlich freudetrunken zu berichten, dass das publizistische Echo auf das mit der Begleitmusik zigtausenfachen Zähneklapperns erfolgte Eröffnungswochenende, legt man es auf die Waage, mehr als vier Kilo schwer ist.

Was es wiegt, das hat es, kann man da nur sagen. Alle Achtung. Ein solcher Widerhall kann sich wirklich hören und natürlich auch wiegen lassen. Natürlich könnte man das propere Konvolut, hätte man die Zeit dazu, auch durchblättern. Vorausgesetzt, dass man nicht jedes der stolz abgewogenen Wörter auch noch auf die Goldwaage legt, könnte dies an den eher stillen Tagen wohl für einige behagliche Abende im trauten Schein der Leselampe sorgen.

Unter dem Ehrfurcht gebietenden Eindruck dieses geradezu ohrenbetäubenden Rauschens im bunten Mischwald der heimischen und auch internationalen Blätter scheint es beinah frivol, jetzt auch noch auf eine Buchseite zu verweisen, wo ein Grazer Kulturereignis ebenfalls sein Echo findet. Wiegt es doch wirklich keine vier Kilo, ja, nicht einmal vier Gramm. Wer aber Geschriebenes nicht nach Kilo, sondern nach dessen geistigem Gewicht misst, wird nicht schlecht staunen, dass Graz schon vor bald 60 Jahren Eingang in die Weltliteratur fand. Schrieb doch kein geringerer als Thomas Mann in seinem großen Musikroman Dr. Faustus die folgende Passage:

"Es fand nämlich damals, im Mai 1906, unter des Komponisten eigener Leitung, in Graz, der Hauptstadt Steiermarks, die österreichische Premiere der Salome statt, zu deren überhaupt erster Aufführung Adrian einige Monate früher mit Kretschmar nach Dresden gefahren war, und erklärte seinem Lehrer und den Freunden, die er unterdessen in Leipzig gemacht, er wünsche, das glückhaft-revolutionäre Werk, dessen ästhetische Sphäre ihn keineswegs anzog, das ihn aber natürlich in musikalisch-technischer Beziehung und besonders noch als Vertonung eines Prosa-Dialogs interessierte, bei dieser festlichen Gelegenheit wiederzuhören."

Daraus lässt sich ablesen, dass Graz als Ort, an dem Neues präsentiert wird, schon vor Jahrzehnten einen ausgezeichneten Ruf besaß. Auch Anton Bruckners 7. Symphonie wurde nach ihrer Uraufführung in Leipzig zuerst in Graz und dann erst in Wien gespielt.

Womit keineswegs gesagt sein soll, dass es die diesjährige Kulturhauptstadt anders hält, als es Graz schon vor Jahrzehnten hielt. Immerhin wurde die neue Helmut-List-Halle mit der Uraufführung von Beat Furrers Begehren eröffnet. Und Graz wäre nicht Graz, träte diese weit verzweigte Orpheus-Arabeske nun nicht von Graz aus ihren triumphalen Siegeszug durch alle großen Opernhäuser der Welt an. [] (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 1./2.2.2003)

Share if you care.