"Traditionell orientierte Mobilitätsmuffel"

6. Februar 2003, 14:33
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Humane Bremsen auf Österreichs Ostkurs

"Seit 1988 sind wir in Osteuropa tätig und mittlerweile in fast allen EU-Beitrittsländern vertreten. Von insgesamt 12.829 Innendienstmitarbeitern sind etwa die Hälfte im Ausland beschäftigt", eröffnete Christian Brandstetter, Vorstandsdirektor der Wiener Städtischen Versicherungen AG, am Freitag vergangener Woche ein von Catro & Consulting AG veranstaltetes Businessfrühstück im Wiener Hotel Imperial.

Die im Hinblick auf die EU-Erweiterung immer enger werdende Zusammenarbeit mit den osteuropäischen Tochtergesellschaften habe das gesamte Konzerndenken verändert. Gemeinsam mit der Catro Personalberatung wurde ein Change-Management-Projekt initiiert: "Wir mussten hart daran arbeiten, die Einstellung unserer in- sowie ausländischen Mitarbeiter zu verändern um einen Know-how-Transfer zu ermöglichen.

Heute ist es uns gelungen, dass sich Kollegen, beispielsweise aus Sofia und Wiesbaden, im Wiener Büro treffen und ihre Erfahrungen austauschen. Das war nicht immer so", konstatiert Brandstetter. Neben internen Marketingmaßnahmen, wie einer in allen Ländern abrufbaren Mitarbeiterzeitung oder verschiedenen "Come-together"-Veranstaltungen, hatte das Versicherungsunternehmen auch strukturelle Veränderungen vorzunehmen, um die Internationalisierung voranzutreiben: "In jeder unserer osteuropäischen Vertretungen sitzt ein Country Manager, der neben seiner Muttersprache auch Deutsch spricht und als Bindeglied zur Konzernzentrale fungiert", erklärt Brandstetter.


Trainee-Ausbildung

Da es in Central Eastern Europe (CEE) wenig Absolventen mit einem wirtschaftlichen Abschluss gebe, hat das Unternehmen ein sechs- bis zwölfmonatiges Traineeship-Programm für osteuropäische Nachwuchskräfte entwickelt.

Alle Kandidaten durchlaufen ein Assessmentcenter - nur die Besten werden ausgebildet. Mit dem regen konzerninternen Austausch soll mangelnder praktischer Erfahrung entgegengewirkt werden, die sich erst kürzlich anlässlich der Besetzung des Topmanagements einer Tochtergesellschaft als Barriere erwiesen habe.

Auch den heimischen Mitarbeitern stünden alle Türen offen, in einem CEE-Land zu arbeiten, eingerannt werden sie jedoch nicht: "Es melden sich kaum Bewerber, die beispielsweise bereit sind, als Expatriate für zwei bis vier Jahre nach Warschau oder Sofia zu ziehen", beklagt Brandstetter. - Und das, "obwohl sie nach der Rückkehr wieder ihren alten Job zurückbekommen".

Es liege an der Mentalität der Österreicher, die seien Mobilitätsmuffel - "traditionell orientiert, misstrauisch und risikoavers". "Tendenziell haben aber Frauen eine bessere Einstellung als ihre männlichen Kollegen", relativiert Brandstetter. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.2.2003, stef)

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