"Ich habe eine 500-köpfige Familie"

3. Februar 2003, 15:42
posten

Galeerensträflinge können schlecht "Liebe" und "Träume" verkaufen - Das weiß man bei der französischen Parfümeriekette Marionnaud, die 2001 auch in Österreich startete - Mit Erfolg, wie die Zahlen beweisen

500 Mitarbeiterinnen steigen eines Samstagmorgens in den verschiedensten Teilen Österreichs in Busse und begeben sich zu einer Fahrt ins Blaue. Diese führt für alle zu einem Eventhotel am Wolfgangssee. Dort wartet der gemeinsam mit seiner Frau Lydie eigens aus Frankreich angereiste Gründer und Konzernchef jener Kette, bei der sie alle beschäftigt sind, um jeder Einzelnen die Hand zu schütteln. Was der nunmehr 71-jährige Marcel Frydman 1984 mit dem Erwerb eines einzelnen Ladens in Montreuil begann, präsentiert sich heute als die Marionnaud-Parfumeries-Gruppe, die seit 2001 auch in Österreich aktiv ist. - Ihr konsolidierter Gesamtumsatz 2002: 1,16 Mrd. Euro (plus 31,35 Prozent).

In St. Wolfgang geht beim Incentive-Treffen zu dem alle 500 Marionnaud-Österreich-MitarbeiterInnen geladen wurden, die Post ab: Nachdem Musicalstar Uwe Kröger durch den Abend mit exklusiver Präsentation eines neuen Duftes und Preisverleihungen für besondere Verdienste geführt hatte, wurde ausgelassen getanzt.

Gefühl für Menschen ...

Bis zum Schluss in den frühen Morgenstunden dabei und als Erster wieder aus den Federn, Guillaume Vanthier: "Man muss ein Gefühl für die Menschen haben, mit denen man zusammenarbeitet", so der Vater einer vierjährigen Tochter - ein zweites Kind wird erwartet - und setzt nach: "Ich habe eine 500-köpfige Familie." Sie heißt Marionnaud und ist - wie es dem aktuellen Trend entspricht - eine Patchworkfamilie. Gegründet wurde sie im Februar 2001 mit der Übernahme der früheren Impo-Filialen, die Erweiterung erfolgte im Dezember des gleichen Jahres um die Parfümeriekette Holzer. Im Juni hat das Unternehmen die 88. Filiale in Österreich übernommen.

Vanthier ist der aus Genf stammende Osterreich-Chef der Marionnaud-Kette. Im Französischen rangiert er als Directeur Général, sein deutscher Titel weist ihn als Geschäftsführer aus. Aber was soll's, "heute CEO morgen Concierge", räsonniert der 38-Jährige, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in der ehemaligen Sowjetunion auch drei Jahre Erfahrungen als Sanierer machte.

... und die Karriere

Der diplomierte Apotheker, der nebenberuflich noch ein Finanzstudium absolviert hatte, sieht "Karriere als Gefühlssache". Uniabschlüsse hätten ihm nur höhere Sicherheit im Analysieren und Umsetzen gegeben, bei dem, was er schon zuvor intuitiv als richtige Strategie identifiziert habe.

Zwei Tage pro Woche verbringt Vanthier in den Filialen, wo er seinen internen und externen Kunden sowie den Lieferanten ein aufmerksames Ohr leiht. Er versteht sich als Kapitän einer Fußballmannschaft. Es gelte die Leute zu begeistern, sie zum Erfolg zu führen, "denn wenn die Elf nicht läuft, gibt's kein Tor."

1990 bis 1997 holte sich Vanthier als rechte Hand des Patriarchen Philippe Guerlain erste Branchenerfahrungen und bewies einen hohen EQ: "Der Kerl saß in einem Turm. Ich ging jeden Tag hinauf und trug einen Stein herunter, bis sich der hierarchische Graben allmählich auf ein vernünftiges Maß reduziert hatte."

Als das traditionsreiche Parfumimperium 1996 in die weltgrößte Luxusmarkenholding überging, war es Zeit, den Hut zu nehmen, denn "ohne Insignien wie INSEAD oder Fontainebleau führt kein Weg in die Vorstandsetage von LVMH", so Vanthier.

Ideen, Kreativität und Motivation

"Ideen haben, kreativ sein und Leute dazu motivieren, selbst Verantwortung zu tragen", antwortet der Österreich-Chef auf die Frage nach seinen Prioritäten. Und "Wir verkaufen Liebe und Träume". Zahlen sind nur ein Wegweiser, an denen Leute ihre eigenen Erwartungen ausrichten können.

Die Zahlen sprechen dafür, dass die Österreich-Route stimmt: Während Impo- und Holzer-Parfümerien 2001 zusammengezählt 61 Mio. Euro Umsatz erzielt hatten, erwirtschaftete die daraus hervorgegangene Marionnaud-Gruppe bis Ende Oktober 2002 bereits 75 Mio. Euro. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.2.2003, zug)

  • Seit dem Jahr 2001 reüssiert der französische Parfümriese auch in Österreich
    foto: derstandard/cremer

    Seit dem Jahr 2001 reüssiert der französische Parfümriese auch in Österreich

Share if you care.