Von Chinatown zu Chinatown

19. Juli 2007, 15:04
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Längst kein Geheimtipp: mit chinesischen Buslinien billig durch die USA

Chinatown in New York ist ein Paradies für Schnäppchen-Jäger. Frischer Fisch und gebratener Tofu, gebrannte CDs und Ghettoblaster, antike Möbel und Designertaschen - in dem Gewirr von Straßenständen und Kramläden im Süden Manhattans ist fast alles zu Spottpreisen zu finden. Auch die wohl billigsten Busreisen der USA werden mitten im Gedränge von chinesischen Ticketverkäufern angeboten: Boston hin und zurück für 20 Dollar (18,5 Euro) etwa, oder Washington hin und zurück für 35 Dollar (32,4 Euro).

Die Busse, die von Chinatown zu Chinatown fahren, sind längst kein Geheimtipp mehr: Auch viele Nicht-Chinesen haben inzwischen die billige Reisemöglichkeit entdeckt, mit der sich zudem ein Stück Asien mitten in Amerika erleben lässt.

Gegen 16.30 Uhr an der Straßenecke unterhalb der Manhattan Bridge: Schon eine halbe Stunde vor Abfahrt nach Washington werden hektisch die Tüten und Taschen verstaut, hastig die Sitze erobert. Denn Platzreservierungen gibt es nicht. Amy Hills hat sich einen Sitz ergattert. Die Finanzstudentin ist schon öfter mit dem Chinesenbus zwischen New York und Washington gependelt und kommt inzwischen trotz der Sprachbarrieren klar. Anfangs habe sie nicht immer gewusst, ob sie im richtigen Bus war. "Ich hatte Angst, ich lande in Boston", sagt die 22-Jährige.

Mit den Chinesenbussen lässt sich eine billige Tour durch weite Teile der östlichen USA organisieren. Auch Philadelphia, Baltimore und Detroit gehören zur Chinatown-Connection. Das Reisen mit den Chinesen-Linien kostet etwa um die Hälfte weniger als mit dem berühmten Greyhound-Bus und sogar etwa Dreiviertel weniger als der Zug. Infos und Tickets sind jedoch nicht immer einfach zu besorgen. Die meisten Unternehmen werben nur in chinesischer Sprache. Und die Fahrkartenschalter sind manchmal in Videoläden oder Restaurants versteckt.

Mit einem Ticket hat der Reisende aber noch lange nicht die Garantie, auch zur gewünschten Zeit reisen zu können. Er habe um zwei Uhr nachts in Washington vergeblich in den bereits vollen Bus einzusteigen versucht, berichtet Matthias Male, ein 19-jähriger Österreicher, der in New York seinen Zivildienst macht. Um ihn herum seien nur Chinesen gewesen, "und man hat kein Wort verstanden". Ihm blieb schließlich nichts anderes übrig, als den Chinesenbus fahren zu lassen und sich zur einige Kilometer entfernten Greyhound-Station zu begeben.

Manche Chinatown-Buslinien benutzen noch enge Mini-Vans. Doch New Century Travel und Dragon Expressway & Travel, die auf der Strecke New York-Washington verkehren, setzen große und bequeme Busse ein. Besonders diese beiden Linien liefern sich einen heftigen Konkurrenzkampf, der sogar vor einigen Monaten in eine Prügelei um Parkplätze ausartete und zwischenzeitlich den Preis für das Rundreiseticket auf das Rekordtief von 15 Dollar (13,88 Euro) sinken ließ. Alle Chinesen-Linien profitieren jedoch zunehmend davon, dass die Kundschaft sich inzwischen weit über den Kreis der chinesischen Minderheit ausgeweitet hat.

Zu Beginn seien vor allem Beschäftigte der China-Restaurants in den Bussen gereist, sagt Tom Wong, Manager und Fahrer bei New Century Travel. Heute liege der Anteil der Nicht-Chinesen schon bei etwa 40 Prozent. Deswegen werden an Bord inzwischen neben den chinesischen auch amerikanische Videos gezeigt. Wong, ein schlaksiger 33-Jähriger, wurde in den USA als Kind chinesischer Eltern geboren. Er spricht mit breitem amerikanischen Akzent. Wong gibt aber zu, dass es in den Bussen noch einige Kommunikationsprobleme gibt. Das Englisch mancher Fahrer sei "etwas abgehackt".

Unter den Passagieren gibt es ebenfalls Anstrengungen, die sprachlichen und kulturellen Barrieren zu überwinden. Er könne inzwischen zumindest "Danke" auf Chinesisch sagen, was die Atmosphäre an Bord auflockere, erzählt Guy Franklin, ein 21-jähriger Student aus New York, während einer Fahrpause auf halber Strecke nach Washington. Amy Hills, die vor der Highway-Raststätte in klirrender Kälte eine Zigarette raucht, gesteht dagegen, noch keinerlei Chinesisch zu können. Durch die vielen Videos habe sie aber zumindest etwas "über Kung Fu gelernt".(APA)

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