Wolf oder Schaf, Engel oder Kummerl?

4. Februar 2003, 16:12
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31.1.2003 - Kündet das intensive Bemühen, den Erfolg der KPÖ in Graz einer Leserschaft begreiflich zu machen, die bisher auf dumpfen Antikommunismus ...

... konditioniert war, nur vom üblichen Gewinnstreben, oder ist es schon die ideologische Wende von Hans zu Christoph? Am Tag nach der Wahl schrieb die "Krone" noch: Es ist ein Anachronismus, dass die KPÖ zwölf Jahre nach dem Zusammenbruch der KP-Regime einen Riesenerfolg verbucht. Und der Hausdichter vermutete am folgenden Tag, anscheinend sind die Populisten/ in Graz jetzt bei den Kommunisten. Aber im Sous-Chefideologen regten sich bereits erste Zweifel: Ein Wolf im Schafspelz? Täuscht einer die Wähler, wo er doch auch in Villenvierteln Stimmen abgeräumt hat?

Wer in Villenvierteln Stim- men abräumt, kann kein ganz schlechter Mensch sein und der Mann des Tages werden. Auf die Frage, was an ihm kommunistisch sei, antwortet Kaltenegger wie alle heimischen Wölfe in Schafspelzen, dass er für soziale Gerechtigkeit stehe, für Solidarität und Demokratie. Das macht eben die Unterscheidung von Wölfen und Schafen so schwierig. Was Kaltenegger von anderen Politikern unterscheidet und warum er eben kein Wolf im Schafspelz ist, das ist das, was der "Krone" einst so an Jörg Haider gefallen hat, seine gelebte Bürgernähe.

Der hatte ja auch einmal einen Sozialfonds für Bedürftige. Weil man aber niemals hörte, was daraus an wen ausgeschüttet wurde, Ernest Kaltenegger hingegen auf den Euro genau angeben kann, wie viel er Bedürftigen gespendet hat, verheimlichte die "Krone" nicht, dass er in Graz "Engel der Mieter" genannt wird. Womit ein tief sitzender ideologischer Verdacht des Blattes nachhaltig ins Wanken geriet: Kann einer, den sie "Engel" nennen, Kommunist sein?

Was dahinter steckt, versuchte das Blatt einen Tag später den Lesern neuerlich begreiflich zu machen. Der gute Mensch von Graz: Mit Kommunismus hat das wenig zu tun, die Leute haben für den knallroten Stadtrat gestimmt, nicht weil, sondern obwohl er Kommunist ist. Nicht einmal auf die Villenviertel kann man sich heute noch verlassen! Wie weit ihm diese abgetakelte Lehre noch als ideologischer Halt dient, kann ich nicht beurteilen. Aber Kaltenegger ist sicherlich das genaue Gegenteil all jener volksfernen Parteifunktionäre, die sich vom "realen Sozialismus" ernährt und seinen Untergang herbeigeführt haben. Was fast klingt, als finde Ernst Trost diesen Untergang bedauerlich.

Er hatte auch ein überzeugendes Beispiel parat, warum der Weltkommunismus zwangsläufig untergehen musste: weil nämlich Lenin, als 1918 in Petrograd Hungersnot herrschte, ein eigenes, besser versorgtes Restaurant für "aktive Parteiarbeiter" einführte und Einwände dagegen als "kleinbürgerliche sozialrevolutionäre Volkstümelei" abtat. Damit war klar, dass ein Vergleich Lenin gegen Kaltenegger nur zugunsten des Letzteren ausgehen konnte: Das Revolutionäre an dem Grazer Stimmenfänger scheint gerade seine Volkstümlichkeit zu sein, die er einem undogmatischen sozialen Denken und Handeln verdankt. Als Stimmenfänger war Lenin ja wirklich nicht berühmt.

Obwohl die Angelegenheit damit geklärt schien, warf gestern Frau Conny Bischofberger in einem ihrer menschlich zutiefst berührenden Zwiegespräche die Frage neuerlich auf: Engel oder Kommunist? Vor diese Wahl gestellt, flüchtete der Gequälte aus dem Reich des Marxismus-Leninismus in das der reinen Metaphysik: Wenn andere mich als Engel sehen: Bitteschön. Lieber bin ich ein Engel als ein Teufel. Doch jetzt will es die Interviewerin ganz genau wissen, da ist sie unerbittlich: Darf man Sie "Kummerl" nennen? Worauf Kaltenegger mit der ganzen Gelassenheit des in zahllosen Grazer Klassenkämpfen gestählten Berufsrevolutionärs antwortet: Von mir aus. Damit kann ich leben.

Für jemanden, der so lange mit Antikommunismus auf Staberl-Niveau leben musste, ist das eine Kleinigkeit. Nur die Frage Und der Kommunist im Engel: Liest der jeden Abend vor dem Schlafengehen Marx? hat er schlecht pariert - nein, die "Krone"! wäre richtig gewesen. Aber immerhin kommt: Er isst auch nicht mit Hammer und Sichel. Den Scherz hat er vom Staberl.

Wen wunderte es, dass auch die Leserbriefseite der "Krone" gestern viel Positives enthielt? Zwei Briefe waren voll des Lobes für Kaltenegger, einer pries Hans Dichand für die Rettung des Blattes vor deutscher Gier und war gezeichnet mit h. d. Der Autor berief sich auf die Offenbarung des Johannes, alles andere wäre seiner göttlichen Sendung nicht angemessen. Zwei Illustrationen unterstützten den Text. Die eine zeigte: Herausgeber Hans Dichand stellt seinen Sohn, Dr. Christoph Dichand, der Redaktion als neuen Chefredakteur vor.

Der Sohn trägt darauf die fröhliche Miene eines zu Tode Verurteilten zur Schau und wurde mit großem Applaus begrüßt. Nur allgemeine Zustimmung gab es hingegen für den gequält lachend porträtierten Ko-Chef Michael Kuhn. Aber übertriebene Gleichheit wäre ja, wie schon Lenin sagte, nichts als kleinbürgerliche sozialrevolutionäre Volkstümelei.
(DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2003)

Von Günter Traxler
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