Nach Mähren - ein Familienroman

8. August 2003, 21:41
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Die 57. unglaubwürdige Reise mach Halt an einem Ort auf dem Weg nach Russland

Eine kleine Station an der Strecke, welche nach Russland führt. Endlos gerade liefen vier parallele Eisenstränge nach beiden Seiten zwischen dem gelben Kies des breiten Fahrdamms; neben jedem wie ein schmutziger Schatten der dunkle, von dem Abdampfe in den Boden gebrannte Strich." - Robert Musils Geografie in Die Verwirrungen des Zöglings Törless. Sein Material dazu: die Erfahrungen als Kadett einer Militärschule in Mährisch-Weisskirchen: "Die kleine Stadt lag weitab von der Residenz im Osten des Reiches."

Noch entlegener in Mähren liegt Zauchtl. Der nächste kleine Ort in der Nähe ist Freiberg, wo Sigmund Freud geboren wurde. In Zauchtl wuchs unsere Großmutter auf. Während Freud später zum Glück gerade noch aus Wien fliehen konnte, führte die letzte Fahrt meiner Angehörigen im Viehwaggon zurück in den Osten, "endlos gerade die Eisenstränge".

"Ich sage es euch rundheraus: Die mährische Hymne ist eine Pause. Eine Pause zwischen ,Wo ist meine Heimat?' und ,Über der Tatra blitzt es'", schreibt Jan Skacel 1989 und meint damit die Aufeinanderfolge des böhmischen und slowakischen Liedes in der Nationalhymne, wo für Mähren nur "die absolute Stille" übrig blieb. "Gibt es überhaupt ein Mähren?", fragt Ota Filip. Die Frage wäre ein Jahrhundert zuvor nicht möglich gewesen. Brünn bekam damals den Beinamen "österreichisches Manchester". Es gab aber auch schon einen separaten Korso für Deutsche und für Tschechen und die Spannung zwischen der "Himmelspforte in Tischnowitz" und dem Kerker im Spielberg. Das holt mich zurück nach Zauchtl, wo Himmelspforten schon am 29. Februar 1868, dem Geburtstag unserer Großmutter, nicht in Sicht waren.

Stattdessen, fast überraschend, das "Hotel und Warenhaus Santerius", "Skorkes Gasthaus", ein Arbeiterheim unter dem Schutz gleich zweier christlicher Wahrzeichen, dem katholischen Zwiebelturm am Bildrand und dem protestantischen unter dem ungerührten Himmel. Nur ein Prozent waren Juden.

Auf einer heutigen Postkarte: Plattenbauten, hässliche alte Villen, ein Schlösschen mit 24 verschlossenen Fenstern unter heraufziehenden Regenwolken. Freundliche Sommerregen versprechen sie so wenig wie der Poststempel mit dem Hakenkreuz. In Zauchtl fiel es sicher leicht, vorerst wenig zu erwarten. Kein schlechter Start für ein langes und von den Mördern nur wenig verkürztes Leben. Zauchtl: eine frühe Konsequenz für ein Leben und einen Stil, der für mich entscheidend bleibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2003)

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