Wie Monte Carlo im Pelzmantel

17. Februar 2003, 10:23
posten

Jetzt ist St. Moritz dran. Die Bündner haben ihr Jetset-Bergdorf für das Medien-Sportereignis des Jahres ausstaffiert. St. Anton tat für die WM 2001 desgleichen. Jutta Berger war in beiden WM-Orten

Vom 1. bis 16. Februar wollen die Engadiner zeigen, dass sie die Besten unter der Wintersonne sind. 300 Millionen Fernsehzuschauer sollen sehen, was der Nobelort zu bieten hat. Das ist das Beste vom Besten, glaubt man den Anpreisungen von Touristikern und Gemeindefunktionären. Denn Bescheidenheit ist in St. Moritz keine Zier. Hier ist man "Top of the World", und wer das noch nicht weiß, soll es über die Ski-WM erfahren.

Nüchtern betrachtet ist das Beste an St. Moritz das Engadin. Jene magische Landschaft um den jungen Inn, begrenzt von Drei- und Viertausendern, gesegnet mit 322 Sonnentagen pro Jahr. "Mir ist, als hätte ich es lange gesucht und endlich gefunden", schwärmte Friedrich Nietzsche.

Vor 140 Jahren hatten die Engländer, Entwicklungshelfer des Alpintourismus, das Hochtal als Winterdestination entdeckt. St. Moritz, das kleine Bündner Bergdorf mit der heilenden Quelle, verkaufte seine Seele an den neuen Wirtschaftszweig. Die Engadiner Bauernhäuser waren bald von Hotelkästen überwuchert. Schon 1880 brachten die Engländer mit der ersten Curling-Meisterschaft die Eventkultur nach St. Moritz. Heute ist man in Sachen Veranstaltungen Weltmeister: Allein pro Wintersaison stehen 150 Events auf dem Programm.

St. Moritz schaut aus wie Monte Carlo im Pelzmantel. Der architektonische Crash aus Jugendstil-Hotelkästen, "Hoch"-und Bauernhäusern ist Tummelplatz der einst Schönen und Neureichen, lebendig gewordener Kapitalmarkt. Wer sich im Sommer auf edlen Yachten rekelt, verstopft im Winter mit Vierradantrieb die überlasteten Straßen des Bergdorfes. Spielt Golf oder Polo auf dem zugefrorenen St.-Moritz-See oder schaut zu, wie Windhunde über das Eis jagen. Klischee? Keineswegs. St. Moritz ist immer noch das alpine Mekka all jener, die zeigen wollen, was sie haben. Zum Dank lassen die Gäste auch einiges liegen, durchschnittlich 680 Euro pro Urlaubstag. Das Publikum kommt zu je 30 Prozent aus der Schweiz und Deutschland, zu zehn Prozent aus Italien. Wie damals in der Belle Epoque lassen auch heute wieder die Russen den Champagner fließen. Im Unterschied zu ihren touristischen Ahnen aus dem Hochadel machen die Neokapitalisten die Hoteleinrichtungen aber nicht mehr zu Kleinholz.

Seit Weihnachten steht dem Geldadel ein neuer Spielplatz zur Verfügung.

Die österreichische Immofinanz hauchte dem alten Kurhaus wieder Leben ein und ließ das Kempinski Grand Hôtel des Bains entstehen. Fünf Sterne zieren das Haus im Ortsteil Bad, nach fast 90 Jahren wurde damit wieder ein Haus dieser Kategorie in St. Moritz eröffnet. Gleich nebenan lockt das neue Kasino. Spielbank und Kempinski sollen St. Moritz-Bad, das ein einziges städtebauliches Missgeschick ist, zu etwas Glanz verhelfen.

Die WM - ein globaler Messestand. Den Moritzer Marketingstrategen genügt es längst nicht mehr, die höchsten Bekanntheitswerte aller Tourismusorte in Deutschland und Österreich zu haben. Die WM soll "uns noch bekannter machen", und zwar weltweit, sagt Cordin Camenzind, PR-Stratege im Kurverein. Da darf in den Infomappen auch dick aufgetragen werden: Die WM 2003 ist "der größte und teuerste Sportanlass der Schweiz". Die neuen und erneuerten Pisten sind "die besten der Welt". Der Abfahrtsstart der Herren aus dem 2836 m hoch gelegenen Starthäuschen auf dem Piz Nair über den 45 Grad steilen Starthang hinunter ist der "der steilste Rennstart" überhaupt. Die

Hütten sind die schicksten, und die Energieversorgung kommt vom "höchstgelege- nen und schönsten Windkraftwerk der Alpen". Der alpine Superlativismus ist dem jungen PR-Mann peinlich, Camenzind schwächt ab: "Unsere Pisten sind wieder auf dem neuesten Stand", somit bringe die WM "extrem viel für jeden Kunden". Die positivste Entwicklung für den Touristiker: "Durch so ein Sportereignis fallen die Entscheidungen rascher, und die Gelder fließen schneller."

Allein die Verbesserung der Lift- und Pisteninfrastruktur auf dem Hausberg Corviglia, wo alle Rennen stattfinden werden, ließ sich die Gemeinde 20 Millionen Euro kosten. Insgesamt wurden für die WM 478 Millionen Euro im Tal und 205 Millionen Euro in Berggebiet investiert. Ob sich das langfristig rentiert, werden die Unis St. Gallen und Bern in einem Nachhaltigkeitsreport erforschen. Die Nachbargemeinde Pontresina, ursprünglich als Partner für die WM vorgesehen, glaubte nicht ans große Geschäft. Sie zog sich offiziell zurück - die hohen Investitionen in Infrastruktur und Manipulationen am ökologisch sensiblen Lagalp-Gebiet wollte man nicht riskieren.

In St. Anton konnte man schon im Jahr eins nach der WM die ersten Früchte ernten.

Wie erhofft brachte der Ski-Event "einen Schub", meint Bürgermeister Rudolf Tschol. Erstmals wurde die magische Grenze von einer Million Übernachtungen überschritten. Tourismusdirektor Heinrich Wagner freut sich über eine "kontinuierliche Entwicklung nach oben". Nach ihrer WM-Nachlese befragt, bilanzieren auch kritische Sankt Antoner positiv. Reinhard Falch, Raumplaner und Oppositioneller in der Gemeindestube: "In Summe ist die WM ein Plus." Die größte Errungenschaft für die St. Antoner ist, so sind sich Bürgermeister, Touristiker und Oppositionspolitiker einig, die neue Verkehrssituation. Durch die Verlegung der Bahn aus dem Ortszentrum wurde Freifläche gewonnen, der Dorfkern ist autofrei. Wo Bahnhof und Gleise das Dorf teilten, sind heute Teiche, Spielplätze und Ruhebänke. Verbaut wird der freie Raum nicht so schnell. Die Gemeinde hat die Fläche jüngst erworben, "als Reserve für künftige Generationen".

Nun will Bürgermeister Tschol die Gemeinde erst einmal "verschnaufen lassen". Was nicht heißt, dass es keine Pläne gibt. Das ehrgeizigste Vorhaben ist wohl der Ausbau des gemeindeeigenen Kraftwerks Kartell. 31 Millionen Euro will man investieren, um autark zu sein. Damit wäre man, zumindest was die Stromversorgung anbelangt, für die nächste WM gerüstet. Die könnte im kommenden Jahrzehnt stattfinden, schätzt der Bürgermeister.

Die augenscheinlichste Veränderung ist den Sankt Antonern einfach passiert: Neue Architektur hat im vom Lederhosenstil geprägten Ort Einzug gehalten. Bahnhof, Zielgebäude und Veranstaltungszentrum Arlberg-well.com, gelungene Beispiele für zeitgenössische öffentliche Bauten, veränderten das Ortsbild. Mit dem Bau des Hotel Anton haben mit Brigitte und Robert Falch erstmals Hoteliers in St. Anton Mut zur Architektur gezeigt. Die Pioniertat (Architektur: Wolfgang Pöschl / Dieter Comploj) wurde mit dem Architektur-Staatspreis belohnt.

St. Anton wurde durch die WM zum Beispiel für neues Bauen in den Alpen. Die Tiroler in dieser Hinsicht zu übertrumpfen wird den Sankt Moritzern nicht so schnell gelingen. Auch wenn sie sich für eine Hangverbauung Sir Norman Foster geholt haben. Der geadelte Londoner Architekt ließ mitten im Dorf die Chesa Futura landen. Von der Form her eher an eine Raumstation erinnernd, erhielt die Nobelherberge (der Quadratmeter kostet rund 14.000 Euro) durch Lärchenschindeln alpines Aussehen. Der zweite Neubau, das "Österreicherhaus" auf dem Kempinski-Areal, hat mit österreichischer Holzbaukunst nur das Material gemeinsam.

Die Ski-WM 2003 wird für St. Moritz zum Testlauf für ein neues Verkehrskonzept. Erstmals wird der Ortskern verkehrsfrei. Über die künftige Verkehrsplanung wird nach der WM diskutiert. Diese Phase hat St. Anton hinter sich. DER STANDARD/rondo/31/01/2003)

Infos

www.stmoritz
2003.com


www.stmoritz.ch

www.stanton
amarlberg.com


Die Skigebiete im Preisvergleich: Eine Zweitageskarte für St. Anton und das Arlberg-Gebiet kostet je nach Saison 64 bis 71 Euro (83 Liftanlagen, 260 Pistenkilometer), für St. Moritz und das Engadin (52 Anlagen, 350 Pistenkilometer) 68 bis 82 Euro. Für beide Gebiete gibt es elektronische Cards. Mit dem Package "Top Hit" will St. Moritz zeigen, dass man gar nicht so teuer ist: Von 22. März bis Saisonende gibt es drei Übernachtungen im Dreisternehotel mit Skipass zu 240 Euro.
  • ST. Moritz - Top of the World
    kur- und verkehrsverein st. moritz

    ST. Moritz - Top of the World

  • Kempinski Grand Hotel des Bains
    foto: kempinski

    Kempinski Grand Hotel des Bains

  • Die WM hat das Ortsbild von St. Anton nachhältig verändert - zu seinem Vorteil.
    georg alfare

    Die WM hat das Ortsbild von St. Anton nachhältig verändert - zu seinem Vorteil.

  • Das Sportheim St. Christoph
    georg alfare

    Das Sportheim St. Christoph

Share if you care.