von Linda Reiter

7. Februar 2003, 09:59
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Angenehmen Freitag. Heute endet zwar der Jänner, aber morgen beginnt der Februar. Nett, dass Sie mir trotzdem schreiben. Ich habe mich für Gerlindes Mail entschieden: Sehr geehrte Frau Reiter, ich bin wirklich keine kontaktscheue Person. Aber ich habe zunehmend Mühe, Gesprächsrunden im Freundeskreis zu überstehen. Meine Beobachtung: Die Menschen reden in ihrer Freizeit nur noch Schrott, und es fällt ihnen anscheinend gar nicht auf. Können Sie mit meinem Problem etwas anfangen?

Liebe Gerlinde, und ob! Ich glaube, die wichtigen Dinge im Leben sind bereits alle gesagt. Zum Beispiel: Wir sind für Frieden und Wohlstand (oder zumindest für Wohlstand). Wir mögen Kinder oder Hunde. Die Gletscher schrumpfen. Nur die weiblichen Gelsen stechen. Man müsste in New York leben. Nie wieder Schwiegereltern! Wir brauchen dringend ein neues Auto, das alte steht bereits beim 5000-Kilometer-Service. Sex wäre schön, aber gehen wir wenigstens auf den Jägerball. Das Süppchen war köstlich. Und solche Dinge. Und was bleibt übrig? Worüber reden die Leute? Entweder sie erzählen, was sie in der Zeitung gelesen haben, und tun so, als wäre es ihre Meinung.

Haben Sie verschiedene Zeitungen gelesen, ergibt sich auch noch eine Diskussion. Oder sie erklären, warum Sie besser sind als ihr Chef, was bereits alles wissen, mit Ausnahme des Chefs. Oder sie kommen gerade aus Indien, und berichten von den unterschiedlichen Kulturen und Darmviren, das kann Stunden dauern. Meistens sind es zwei, drei in einer Runde, die 90 Prozent jedes Gesprächs bestreiten. Sie hören einander nicht zu, sondern nicken ununterbrochen, das bedeutet, dass sie endlich wieder zu Wort kommen wollen. Derjenige, der gerade am Wort ist, deutet dieses Nicken allerdings als Interessens- kundgebung - und redet weiter. Die sieben anderen sind zum Zuhören verdammt. Oder sie sind Frauen und räumen so lange den Tisch ab, bis nur noch die Platte auf den Beinen steht, die sie am liebsten auch noch abschrauben würden, damit sie sich den Schwachsinn nicht mehr anhören müssen. Aber beim Verabschieden war es dann doch ein schöner Samstagabend, und alle bedanken sich wie ZIB-Moderatoren für das gute Gespräch.


Freundlichst, Linda Reiter
Ich bitte um weitere Wortmeldungen zu diesem Thema! Linda.Reiter@derstandard.at (Der Standard/rondo/30/1/2003)

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