Militärische Überlegenheit ist nicht alles

16. September 2003, 17:45
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Teil zwei der ALBUM-Serie: Der amerikanische Politologe Charles A. Kupchan im STANDARD-Interview über das Ende der amerikanischen Ära

Still alive and well" - noch gebe es eine deutliche Vorherrschaft der USA in der Welt, doch Charles A. Kupchan sieht ihr Ende nahen. Ganz anders als sein Kollege Andrew Bacevich (siehe letztes ALBUM ) glaubt er nicht an ein fortdauerndes Imperium, sondern an einen schleichenden Machtverlust, an dem Europa nicht unbeteiligt ist. Kupchan, Professor für internationale Beziehungen an der renommierten Georgetown University und Senior Fellow am einflussreichen Council of Foreign Relations, zieht entsprechende Lehren aus der Geschichte, vom Ende des unipolaren römischen Imperiums über die Nationalstaaten im 19. Jahrhundert bis zu den jüngsten Entwicklungen der Nato. Insbesondere die europäische Einigung sei bereits jetzt eine wirtschaftliche und politische Herausforderung, und sie werde den USA noch mehr zu schaffen machen: Das ist eines der Argumente in seinem neuen Buch, The End of the American Era. U.S. Foreign Policy and the Geopolitics of the Twenty-First Century (Borzoi Book/Alfred A. Knopf, New York, € 29,20).

Wann und warum soll das amerikanische Zeitalter zu Ende gehen? Kupchan: Es ist von geringerer Dauer, als die Leute denken. Die Pax Americana löst sich langsam auf. Und das zeigt sich unter anderem in einem wachsenden Spalt zwischen Europa und den USA, in einer Erosion des Liberalismus und schließlich im Aufstieg des digitalen Zeitalters, das das Ende der US-Ära beschleunigen wird.

Im "Atlantic Monthly" schrieben Sie kürzlich über "Das Ende des Westens" und sprachen von dem atlantischen Bündnis als einem nur "scheinbar unveränderlichen Produkt gemeinsamer Geschichte und Werte". Wie wichtig sind diese Faktoren heute? Kupchan: Sie waren wichtig, um die Nähe zwischen uns zu erklären, aber sie wurden überschätzt. Die transatlantische Harmonie war auch das Produkt einer Machtasymmetrie. Jetzt, wo Europa stärker wird, wird es weniger gern den Juniorpartner spielen. Gewisse Unterschiede hat es außerdem immer schon gegeben - die Todesstrafe zum Beispiel -, und die werden jetzt deutlicher. Wobei Europa beginnt, als Einheit zu denken, nicht mehr nur in Nationalstaaten und Regionen. Da heißt es jetzt: Wir tun das, die USA tun jenes. Früher hat das nur Frankreich so gehalten, jetzt auch die Deutschen, die Schweden, eigentlich alle.

Wie sehen das die Neokonservativen in den USA? Kupchan: Die sehen nur die Schwächen Europas und sagen, na wenn sie zu schwach sind, dann zum Teufel mit ihnen. Aber es geht auch darum, sich auf die Stärken Europas zu besinnen, schließlich ist es der einzige andere Kontinent, der noch Gewicht in der Welt hat. Eine Trennung hätte globale Konsequenzen. Das vergessen die Neo-konservativen gerne, dass militärische Überlegenheit nicht alles ist. Was ich seltsam finde: Die Neo-cons halten alle diese Seminare über Europa ab - wenn der Kontinent wirklich so schwach und unbedeutend ist, warum sorgen sie sich dann so? Also es ist schon mehr als so eine kleine Auseinandersetzung mit Botswana.

Als was würden Sie sich einstufen? Kupchan: Als einen liberalen Realisten. Ich glaube, dass balance of power and realpolitik die vorherrschenden Kräfte im politischen Leben sind. Was mich zum Liberalen macht, ist meine Überzeugung, dass die Logik des "Realismus" durch eine Logik der Integration abgelöst werden kann. Das ist das europäische Ideal. Aber eigentlich auch ein amerikanisches. Was ist dann mit dem Glauben an die militärische Überlegenheit, wenn es um Geopolitik geht? Kupchan: Dann versucht Europa, die Vereinigten Staaten institutionell zu zähmen und ans Prozedere zu binden - wie man zurzeit sieht.

Was meinen Sie zu der Auffassung, dass die USA gar nicht so sehr Zwang und Gewalt anwenden, sondern sich auf den Druck des Marktes verlassen, auf die eigene kulturelle Attraktivität? Kupchan: Die militärische Macht ist immer noch typischer - nehmen Sie etwa den Balkan. Die USA haben da entsprechend gehandelt. Die EU kann das nicht so gut.

Gibt es Gegengewichte zur wachsenden Kluft? Kupchan: Aber ja, da gibt es einiges: die institutionellen Bande, Investitionen und Handel, beide in riesigen Dimensionen. Und einfach eine Art von Nähe, die nach wie vor da ist.

Was halten Sie von den gegenwärtigen Politikern in Washington? Kupchan: Am interessantesten finde ich den stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz. Er ist der ideologische Anführer, der Ringleader, mit einer sehr klar artikulierten Haltung zur Macht: Die USA sollten seiner Ansicht einfach die Vormacht halten. Aber, das möchte ich einwenden, wenn man nach Vormacht strebt, schreckt man die anderen. Man provoziert eine Koalition, die einen erwischen wird. Etwas Überlegenheit ist gut, zu viel nicht. Mit ihr muss man besonders vorsichtig umgehen. Sehen Sie sich etwa die Reaktionen auf 9/11 an: Die Amerikaner wollten die Antworten auf die Frage, warum sie so sehr gehasst werden, nicht hören. Die USA sollten sich im Spiegel anschauen, aber sie tun's nicht. Als ich das in der Los Angeles Times schrieb, gab es entrüstete E-Mails: Wie wagen Sie es nur?!

Sie waren öfters in Europa: Was sind für Sie dort die Pros und Kontras, verglichen mit den USA? Kupchan: In Europa das Essen, der Sinn fürs Ästhetische, die Qualität der "Gemeinschaft", eine Art Wärme, wenn man etwa eine Straße voller Cafés entlanggeht. Starbucks kann einem beliebigen Espresso in Rom nicht das Wasser reichen. In den USA herrscht mehr der Individualismus, jeder beeilt sich, statt dass die Leute beisammensitzen. Dafür kommt es mir hier intellektuell aufregender vor, vitaler, mobiler. Dass Clinton aus einem hinterwäldlerischen Kaff kommt und Präsident wird - das passiert immer noch am ehesten in den USA.(DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.1.2003)

Das Interview führte Michael Freund
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