"Die Pille danach gehört in jede Hausapotheke"

14. Jänner 2008, 21:33
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Diskussion um Abtreibung reißt nicht ab: An Fristenlösung wird zwar niemand rütteln, mehr Beratung fordert aber vor allem die ÖVP ein

Wien/Linz - 15.000 Euro "Prämie" für Mütter, wenn diese ihr Kind austragen statt abtreiben und dann zur Adoption freigeben - über diesen "menschenverachtenden Vorschlag" (SPÖ-Frauenministerin Doris Bures) des FPÖ-Abgeordneten Karlheinz Klement will in der Regierung niemand ernsthaft diskutieren. Das Thema Abtreibung bewegt dennoch in regelmäßigen Abständen die Gemüter, derzeit wird vor allem über die Beratungsmaßnahmen diskutiert.

Diese seien flächendeckend vorhanden, befindet man im Frauenministerium. Österreichweit gäbe es rund 400 Beratungsstellen für schwangere Frauen, auch jeder Gynäkologe nehme solch eine Beratung vor. Das Angebot sei aber nicht bekannt genug.

Bures ist Verfechterin einer anderen Maßnahme, die koalitionsintern für Unstimmigkeiten sorgt: Sie will die "Pille danach" rezeptfrei abgeben lassen. Das Medikament verhindert, dass es zu einer Schwangerschaft kommt, und wirkt innerhalb von 12 Stunden am Zuverlässigsten. "Wenn wir die Möglichkeit haben, traumatische Abtreibungen zu verhindern, müssen wir diese Möglichkeit ergreifen", sagt Bures. Eine Forderung, die auch der Wiener Gynäkologe Christian Fiala erhebt: "Die Pille danach gehört in jede Hausapotheke."

Laut Frauenministerium sprechen sich sowohl der oberste Sanitätsrat als auch die Weltgesundheitsorganisation für eine Freigabe aus. An Ministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) liegt es, die "Pille danach" auf die Liste der rezeptfreien Medikamente zu setzen - sie sprach sich aus medizinischen Gründen wiederholt dagegen aus.

"Seriöse Fakten"

Der Linzer Gynäkologe Gernot Tews teilt die Ansicht des Frauenministeriums nicht ganz. So kritisiert der ärztliche Direktor der Landesfrauenklinik in Linz, dass es keine wissenschaftlichen Studien in Österreich zur Abtreibung gebe, auch eine Statistik dazu sein überfällig. Im Linzer AKH, dem einzigen öffentlichen Krankenhaus Oberösterreichs, in dem Abtreibungen durchgeführt werden, gab es voriges Jahr 1200 Eingriffe. Hinzu kommen rund 4000 Abbrüche, die von Privatärzten durchgeführt werden. Diesen stehen 14.000 Geburten gegenüber. Österreichweit gibt es jährlich geschätzte 40.000 Abbrüche.

In einem Punkt gibt Tews Bures aber recht: Beratungsstellen würden zu wenig in Anspruch genommen. In der Regel komme eine Frau ins Spital zur Untersuchung und Beratung. Danach müssen laut Gesetz 24 Stunden vergehen, bis der Abbruch vorgenommen werden kann. Ein weiters Gespräch bei einer sozialen Beratungsstelle würden laut Tews nur fünf bis zehn Prozent der Frauen suchen. Aus dem Grund schließt er sich der Meinung von ÖVP-Justizsprecher Heribert Donnerbauer an, der fordert, dass Beratung und Schwangerschaftsabbruch nicht von ein und derselben Person durchgeführt werden sollten. Auch der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn begrüßt Donnerbauers Idee: Er wertet sie als "weiteres positives Signal", dass sich bei der Umsetzung der "versprochenen flankierenden Maßnahmen nach jahrelangem Drängen etwas zu bewegen scheint".

Christian Fiala, Leiter der Gynmed-Ambulanzen, hält nichts von einem "Beratungsmarathon". So kämen Frauen aus Deutschland zur Abtreibung nach Salzburg, weil diese die Zwangsberatung als entwürdigend empfinden. Fiala: "Die sagen dann: 'Ich habe zwei Kinder und weiß, was ich tue, das muss ich mir doch nicht gefallen lassen.'" (Andrea Heigl, Kerstin Scheller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. Jänner 2008)

  • Die Proteste reißen nicht ab, die politische Diskussion ebensowenig: 2005 demonstrierten AbtreibungsgegnerInnen im 2. Bezirk in Wien.
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    Die Proteste reißen nicht ab, die politische Diskussion ebensowenig: 2005 demonstrierten AbtreibungsgegnerInnen im 2. Bezirk in Wien.
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