Mediatorin zwischen Indiens Kasten

31. Jänner 2008, 21:48
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Marlies Küng-Rüdisser hat es in der Pension statt in eine Kur nach Asien gezogen - Die Vorarlbergerin baute eine Weberei auf und ermöglicht Kindern den Schulbesuch

Wien - Marlies Küng-Rüdisser war nie im Ausland. Sie lebte in Vorarlberg, zog vier Kinder groß und arbeitete zehn Jahre lang in Weltläden mit. Im Alter von 48 Jahren verließ sie das erste Mal Europa und reiste nach Indien. Drei Jahre später beschloss sie, dort zu bleiben. Die Abenteuerlust sei es nicht gewesen, die sie damals zum Entsetzen vieler Bekannter nach Asien zog, sagt sie. Sie habe sich zugetraut, ein Sozialprojekt aufzubauen. Und ihre erwachsenen Söhne hätten sie darin ermutigt.

Die Vorarlbergerin half mit, in einer Lepra-Siedlung eine Weberei und Schule zu gründen. Als sie herausfand, dass Spendengeld veruntreut wurde, fasste sie mit ihrem indischen Partner den Entschluss, auf eigene Faust zu helfen. Das war 2002, Küng-Rüdisser war 57 Jahre alt. Heute betreibt sie nahe Jaipur in Rajasthan eine Weberei. Sie beschäftigt fünf Mitarbeiter, und sie finanziert Kindern gemeinsam mit Sponsoren - es sind überwiegend Freunde und Pfarrgruppen aus Österreich - den Besuch privater Schulen.

Arbeit statt Spenden

Spenden allein seien auf die Dauer zu wenig. "Das ist entwürdigend. Man muss den Leuten Arbeit geben, denn nur so ändert sich was", sagt sie.

Küng-Rüdisser sorgt für den Entwurf und den Verkauf der handgewebten Textilien. Zu den Kunden zählen Hotelboutiquen in Indien und Weltläden im Bregenzerwald. Auch aus Belgien kommen Aufträge.

Die oberste Regel ihrer kleinen Werkstätte: Die Kinder der Weber müssen zur Schule gehen - auch die Mädchen. Zwischen dem Geschlecht, der Religion und Kaste wird kein Unterschied gemacht. Doch jahrtausendealte Traditionen lassen sich nicht so einfach ändern. Als die Österreicherin eine Frau der untersten Kaste einstellte, streikten drei andere Mitarbeiter. Küng-Rüdisser hielt an ihrer neuen Stickerin fest, letztlich blieben auch die anderen. Sie gehöre in Indien als Ausländerin nirgends dazu, sagt sie schmunzelnd. "Ich habe Narrenfreiheit, und ich versuche hier eine Mediatorin zwischen den Kasten zu sein." Das heiße Klima mache ihr etwas zu schaffen, sagt die rüstige ältere Dame. Um Wasser- und Stromversorgung müsse sie sich unentwegt selbst kümmern. Und manchmal werde sie müde, erklären zu müssen, dass auch sie trotz ihrer weißen Hautfarbe nur in bescheidenen Verhältnissen lebe.

Was sie an Indien berühre, sei zu sehen, wie es in kleinen, jedoch steten Schritten bergauf gehe. Ihr imponiere die tiefe Spiritualität der Menschen. Und sie genieße die große persönliche Freiheit, die man ihr gebe. "Wenn wer etwas kann, lässt man ihn das ohne Umwege und Bürokratie angehen." Küng-Rüdisser besucht Österreich einmal im Jahr. Lingenau sei der Ort, an dem sie sich zuhause fühle. Doch wann und ob sie überhaupt zurückkehre, darüber denke sie jetzt noch nicht nach, sagt sie. "Solange ich gesund bin und arbeiten kann, will ich die Pension nicht absitzen." Auf Kur zu gehen, wie viele der Altersgenossinnen, reize sie nicht.

Armut und Krankheit sieht Küng-Rüdisser auch in Österreich, "aber sie sind verborgener. Es gibt Institutionen, die helfen." In Indien sei Armut an jeder Straßenecke. Ihr Ziel sei es, dort aus ihrem Leben etwas Vernünftiges zu machen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.1.2008)

  • Marlies Küng-Rüdisser (Mitte) arbeitet in Rajasthan.
    standard/kainrath
    Marlies Küng-Rüdisser (Mitte) arbeitet in Rajasthan.
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