Kommentar der anderen: Männerschelte mag man eben?

8. Jänner 2008, 20:18
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Zur Fortführung der Debatte um die Kritik des Genderforschers Gerhard Amendt an der Anti-Gewalt-Kampagne des Frauenministeriums

Pauschalisierende Hetze gegen das "starke Geschlecht" ist gesellschaftspolitisch und pädagogisch kontraproduktiv.

Gerhard Amendt hat mit seiner Kritik an Frauenministerin Bures' Werbeaktion, die die Gewalt in der Familie als "reines Männerproblem" darstellt, viel Staub aufgewirbelt: wahrscheinlich nicht nur wegen seiner Thesen, sondern weil das Thema emotional derart brisant ist, dass einem als Mann sowieso geraten wird, besser die Klappe zu halten. Aber auch das ist schon wieder ein Teil des Problems: hier der gewalttätige Mann, und wer Mann ist, gehört zu den "potenziellen Tätern"! Also kusch!

Dagegen wende ich mich ganz entschieden: Zwar sei dahingestellt, wie Amendt meint, ob und wie oft bei Rosenkriegen auch Frauen die erste Ohrfeige austeilen; selbstredend sind Gewalt gegen Frauen und sexueller Missbrauch ein Phänomen patriarchaler Kulturen und krisenhafter(!) Männlichkeit, wobei der Kindesmissbrauch in relativ geringer Anzahl auch Frauen als Täter ausweist. Das pauschale öffentliche Anschwärzen von Männern aber ist kontraproduktiv und nicht erkenntnisfördernd! Gefeierte Buchtitel wie "Väter als Täter" oder der Titel der einst durch ganz Österreich tingelnden Ausstellung "Kein sicherer Ort", deren Logo einen manteltragenden Mann mit kleinem Kind an der Hand zeigte, sind von ähnlicher, pauschalierender, alles Männliche auf Gewaltsamkeit reduzierender und deshalb unqualifizierter Art. Kein Ort mehr, keine Ecke, an der nicht ein gefährlicher Mann lauern würde?

Vernebelungseffekt

Dagegen ist erstens zu sagen, dass Männer - wie es auch für Frauen zu Recht gefordert wird - erst zu Männern gemacht werden: Es geht also auch um Gewalt-Verhältnisse, die es aufzuzeigen gälte und die zur beklagten Gewaltneigung vieler Männer führen. Diese können nur in der Erziehung und in Sozial- und Wirtschaftsstrukturen, die die männliche Sozialisation immer noch stärker prägen als die der Frauen, begründet liegen (es sei denn, es huldigt jemand dem Biologismus vom "Tier im Mann"). Die Brutalisierung des Konkurrenzverhaltens (Motto: "Nur die Härtesten kommen durch") gehört ebenso hierher wie die diversen Erziehungsideologien, was und wie ein "richtiger" Bub gefälligst zu sein hat.

Zweitens gibt es auch andere Männer, die nicht gewalttätig sind, liebevolle Väter, Opas, Lehrer, und (wenige) Kindergärtner. Diese, die von vielen (auch Frauen) in größerer Anzahl herbeigewünscht werden, werden aber durch die pauschalierende Sichtweise im Gewaltdiskurs entweder verdächtigt oder mehr oder weniger indirekt "entmännlicht" - und tatsächlich meinen viele (auch Frauen!), Männer, die sich beruflich um kleine Kinder kümmern, seien "keine richtigen Männer".

Drittens langen gerade in der Familie auch die Frauen kräftig zu (übrigens härter und öfter bei Buben als bei Mädchen!), meinetwegen im Auftrag patriarchaler Erziehungsideale, aber eben als Frauen! Dies wird von der buresschen Werbekampagne mit ihrer Schwarz-Weiß-Malerei jedenfalls vollends vernebelt. Weiß man dann, dass aus nichtsexuell gedemütigten, geschlagenen Buben häufiger "misogyne" (frauenverachtende) Gewalttäter und auch Missbrauchstäter werden als aus direkter eigener sexueller Missbrauchserfahrung, dann weiß man auch, was auch aus nichtsexueller Gewalt an Buben folgen kann.

Und wenn man weiß, dass Männer, die von klein auf Nähe (auch körperliche) zu kleinen Kindern haben (Körperpflege etc.), in einem statistisch verschwindenden Ausmaß zu Missbrauchstätern werden, dann sieht man, wie fatal die Hetze gegen die "gefährlichen" Männer sein kann: je mehr Männer - wodurch und von wem immer - von kleinen Kindern ferngehalten werden, desto wahrscheinlicher werden die "normalerweise" kaum nachvollziehbaren Fälle von Kindesmissbrauch.

Als jemand, der seit vielen Jahren zur Vater-Kind-Beziehung und nun auch zur Rolle der Männer in der öffentlichen Erziehung forscht, schmerzen mich diese männerverachtenden Tendenzen im öffentlichen Diskurs sehr. Im Widerspruch dazu stehen allerdings die Klagen über das häufige Fehlen von Vätern in der Erziehung, von männlichen Vorbildern usw. Buben bräuchten doch Identifikationsobjekte, meinen alle.

Umdenkprozess

Wir haben in Europa - und in Österreich ganz besonders - tatsächlich kaum mehr männliche Pflichtschullehrer, von Kindergartenpädagogen ganz zu schweigen. 1971 gab es in Österreich noch etwa 45 Prozent Volksschullehrer - jetzt sind es nur mehr ca. 11 Prozent und nur mehr 7 % Männer in der Pflichtschullehrerausbildung! Kindergärtner gibt es in Österreich ganze 78; jeder kennt den Trubel, den ein Mann auslöst, wenn er den Kindergarten betritt. Offensichtlich fehlen den Kindern beiderlei Geschlechts erwachsene Gegenüber beiderlei Geschlechts. Dies erscheint zunehmend als ein gesellschaftliches Problem, das unter anderem die latente Frauenfeindlichkeit von heranwachsenden Männern fördert: die fast gänzliche Feminisierung des Erziehungsbereichs: Familien-Frauen, Kindergarten-Tanten, "Frau Lehrerin".

Wir brauchen also eigentlich das Gegenteil von pauschalierender Männerschelte und statt dessen kritische Analysen der zu Gewaltneigung führenden Prozesse des Aufwachsens. Wir brauchen auch besser geförderte Männerzentren und -beratungsstellen, die einen unschätzbaren Dienst gegen männliche Gewaltkulturen leisten - und dennoch immer um ihre Budgets zittern müssen, weil es offenbar 'political' nicht so 'correct' ist, Männerinitiativen zu fördern. Wir brauchen insgesamt eine neue Sensibilität für Fragen der Gewalt, die nicht nur immer auf die Täter-Opfer-Dichotomie setzt, sondern den Ursachen von Gewalt in Familie und Gesellschaft seitens der Wissenschaft und der Politik entgegentritt. (Josef C. Aigner/Der STANDARD, Printausgabe 09.01.2008)

*Josef C. Aigner, Erziehungswissenschafter, Psychoanalytiker und zweifacher Vater, lehrt an der Uni Innsbruck.

 

  • Josef Aigner: "Wir brauchen eine neue Sensibilität für Fragen der Gewalt jenseits der Täter-Opfer-Dichotomie."
    Josef Aigner: "Wir brauchen eine neue Sensibilität für Fragen der Gewalt jenseits der Täter-Opfer-Dichotomie."
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