Statt des "Werfens" - die Geworfenheit!

8. Jänner 2008, 18:07
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Simone de Beauvoir legte in ihren Schriften den Grund für feministisches Denken - Jean-Paul Sartres Gefährtin lebte ihre Widersprüche

Wien - Vom Schicksal zur Befreiung führt der lange Weg der Frau, den Simone de Beauvoir in ihrem inzwischen zum Klassiker gewordenen Das andere Geschlecht (Le Deuxième Sexe) beschrieben hat. 1949 wurde das Buch veröffentlicht, drei Jahre nach Jean-Paul Sartres Vortrag Ist der Existenzialismus ein Humanismus?

Bestimmendes Paar

Das Paar Sartre und de Beauvoir bildete zu diesem Zeitpunkt - kurz nach dem Krieg und dem Ende des Faschismus und der französischen Kollaboration - die bestimmende intellektuelle Konstellation in Europa. Zwei Universalmenschen, bewandert in dem ganzen Wissen der Menschheit, versiert in allen Genres von der Literatur bis zur Philosophie, urteilsfreudig und engagiert, innigst verbunden und dabei doch getrennt durch das, was man heute mit einem bewusst funktionalen Begriff "Geschlechterdifferenz" nennt, was für Simone de Beauvoir aber eben noch eine existenzialistische Frage war: "Was ist eine Frau?"

Sie hat diese Frage in "Das andere Geschlecht" auf allen Ebenen zu beantworten versucht, die einer umfassend belesenen Frau zu Gebote standen. Die biologischen Gegebenheiten, der psychoanalytische Standpunkt und, ein Gebot der Zeit, der Standpunkt des historischen Materialismus waren dabei ebenso von Bedeutung wie die Romane von Stendhal oder die Erzählungen von Colette, die Philosophie von Aristoteles oder die Autobiografie von Rousseau. Sartre selbst ist in dem Buch auf diskrete Weise präsent. Er wird zitiert, er ist selbst Kulturgeschichte und nicht Lebensmensch.

Zwei Denker als Idole

Dieser Widerspruch prägte nicht nur die Beziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, ein strategisches Bündnis aus dem Geist der unbedingt gewollten Zusammengehörigkeit. Er prägte auch die Rezeption, die aus DenkerInnen Idole machte und die DenkerInnen bald vom Thron stieß.

Die Geistesgeschichte des späten 20. Jahrhunderts verlief für Sartre und de Beauvoir nicht eben günstig, in den Theoriemoden der letzten fünfzig Jahre gerieten sie häufig ins Kreuzfeuer der Kritik. An ihrem hohen Identifikationswert ändert dies nichts, und es deutet nicht wenig darauf hin, dass gegenwärtig nicht nur aus Anlass des heutigen 100. Geburtstags von Simone de Beauvoir das Gewicht sich deutlich auf die Seite der Frau verschiebt. Sie und nicht so sehr Sartre ist nun Gegenstand der Relektüre.

Die kürzlich (in den USA) erstmals veröffentlichten Tagebücher aus den Jahren 1926/27, als sie an der Sorbonne studierte, stammen aus der Zeit vor der Bekanntschaft mit Sartre. Sie gewähren Einblicke in das Innenleben einer jungen Frau, die mit aller geistigen Kraft aus dem Familienleben ausbrechen wollte. Die katholische Mutter, der reaktionäre Vater engten sie in jeder Hinsicht ein. Simone de Beauvoir setzte dagegen das "innere Leben", die "innere Schönheit", die Religion der Bücher, wobei Toril Moi, die eine Psychobiographie über sie geschrieben hat, darauf aufmerksam macht, dass sie kein einziges Mal auf ihren Körper zu sprechen kommt.

"Gab es wirklich einmal eine Zeit, in der Frauen sich nicht ständig Gedanken über ihr Aussehen gemacht haben?" Diese Frage rührt an einen wichtigen Punkt von Simone de Beauvoirs Feminismus: Sie hatte eine ausgesprochene, theoretisch fundierte Abneigung gegen den Narzissmus. "Als Beute ihres Ichs verliert die Frau jeden Zugriff auf die Welt", schrieb sie in "Das andere Geschlecht". Die narzisstische Frau sucht nach Bestätigung ihrer selbst - durch den Mann, durch Gott. "Sich nicht vergessen zu können ist ein Mangel." Diesen Mangel wandelte sie in einen hohen Anspruch um: "Was der Frau in erster Linie fehlt, was sie in Angst und Stolz erlernen muss, ist die Annahme ihres Geworfenseins und ihrer Transzendenz."

Es verwundert nicht, dass der spätere Feminismus mit seinen "Politiken" der Emanzipation und seiner Betonung der kulturellen Konstruktion von Identität und Körper nicht viel anfangen konnte mit diesen Sätzen. Es zeugt aber auch davon, dass Simone de Beauvoir, die nicht selten Sartre die Geliebten zuführte, dies unter einem intellektuellen Anspruch tat. Es ging nicht einfach um eine offene Beziehung, sondern um die Risiken der Freiheit, mit allen Formen der Selbstüberforderung, die damit auch gelegentlich einhergingen. Der hässliche Sartre, der sich verwahrlosen ließ, war zeitlebens sexuell sehr aktiv. Sie hingegen wurde lange Zeit als die unverbrüchliche Gefährtin gesehen, die selten den Schreibtisch verließ.

Als Schriftstellerin war sie schon etabliert, bevor sie "Das andere Geschlecht" herausbrachte. Für den Roman "Die Mandarins von Paris" erhielt sie später den Prix Goncourt. Es sind aber vor allem die autobiografischen Werke wie die "Memoiren einer Tochter aus gutem Haus", in denen sich ihr Denken noch einmal entscheidend konturierte. Und erst die postume Veröffentlichung ihres Briefwechsels mit dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren zeigte in aller Deutlichkeit, wie sehr sie zerrissen war zwischen dem "Pakt" mit Sartre und dem Werben eines Mannes, den sie über beinahe zwei Jahrzehnte nur selten sah, je nachdem, wie es der dichte Reisekalender zuließ. Der "Spalt", der durch sie hindurchging, war dabei bewusst in Kauf genommen und wurde doch intensivst durchlitten.

Das Ewigweibliche

Zwischen der Funktion des "Weibchens" und dem "Ewigweiblichen" wollte Simone de Beauvoir sich nicht entscheiden müssen. Stattdessen setzte sie auf die Offenheit, die aus dem berühmtem Satz noch nachklingt: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es." Später wurde dies von anderer Seite gern umformuliert, mit einer wichtigen Verschiebung des Gewichts: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht."

Simone de Beauvoir aber hielt über die fast tausend Seiten von "Das andere Geschlecht" an ihrer positiven Anthropologie fest: "Die Tatsache, ein Mensch zu sein, ist unendlich viel wichtiger als alle Einzelheiten, die die Menschen unterscheiden." Von einem Mann würde dieser Satz unwillkürlich ein wenig herablassend klingen, wie eine faule Konzession. Von Simone de Beauvoir hingegen klingt er wie ein Freiheitsmanifest, dem die Männer sich erst noch gewachsen zeigen müssen. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe 09.01.2008)

  • Das Paar 1947 in Schweden
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