Grenzerfahrungen: Es genügt zu leben

14. Jänner 2008, 14:04
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Ich bin gegen den Rausch und das Raunen, das aus ihm hervorgeht, ich bin für das nüchterne Denken, das klare Gedanken hervorbringt. Gegen kindische Grenzerfahrungen

Mein ganzes Leben ist eine einzige Grenzerfahrung. Wenn ich da nur an meine Geburt denke: "Es ist ein Mädchen!" Das war der erste, fatale Satz des Primars. Meine Geburt überwachte er höchstpersönlich, weil meine Schwester, die meine Mutter zwei Jahre vorher geboren hatte, tot zur Welt gekommen war, zerstückelt. (Das Kind war in einer Steißlage gewesen, und der Primar hatte es als einer der ersten Nachkriegsprimare Österreichs während der Geburt drehen wollen, was nicht gelungen war.) Wenn Sie ein Mädchen sind und trotzdem die Welt um sich herum entdecken wollen, machen Sie naturgemäß eine Grenzerfahrung nach der anderen. Schon allein das Wickelkissen! Die engsten Grenzen, die man sich denken kann! Eingeschnürt bis zum Hals, stellen Sie trotzdem fest, dass kein Bub im ganzen Krankenhaus in so etwas gesteckt wird. Darauf folgen dann all diese grenzüberschreitenden Situationen, die in Fragen münden: Violette Haarmasche oder ausschließlich rosarote? Die praktischen Holzautos, die nie kaputtgehen oder die ekligen Porzellanpuppen, die schon vom Anschauen Sprünge kriegen? Darf ein Mädchen im Röckchen auf dem Spielplatz herumkrabbeln oder sollte es nicht lieber im Kinderwagen sitzen bleiben? Und ist ein Mädchen, das lieber Hosen trägt und den Mist im Mistkübel untersucht, überhaupt noch ein Mädchen oder schon ein Transvestit? Und das Allerfatalste: Das alles wird nicht als Grenzerfahrung erlebt, sondern als Naturgesetz. Grenzerfahrungen machen nur Genies.

So war ich mit sechzehn, siebzehn gleich begeistert, dass Picasso gesagt haben soll, für ein gutes Bild verheize er seine Oma, oder Montaigne, der Tod einer literarischen Figur sei schlimmer als der des eigenen Sohnes. So was erschien mir echt grenzüberschreitend. Altersgemäß auch die edlen Drogenerfahrungen, die bereits Trakl, Freud, Baudelaire oder Gottfried Benn machten, ohne gleich elendiglich zugrunde zu gehen wie die Heroinfixer heute, oder die weitaus weniger edlen, aber umso legendäreren Exzesse eines Truman Capote oder William Burroughs oder Henry Miller, oder die permanenten Sauforgien Hemingways, Bukowskis, Faulkners, Dylan Thomas' oder Malcolm Lowrys. Für mich waren das typische Genies. Grenzüberschreitend war, was man nicht sagt oder tut. Noch immer war ich kein Genie

Und ein Genie wollte ich auch sein. Es dauerte dann eine Weile, bis ich merkte, dass es für eine Frau praktisch unmöglich ist, ein Genie zu sein. Auch wenn Madame de Staël ganz richtig sagt, dass das Genie kein Geschlecht habe. Da hatte ich schon jahrelang hart daran gearbeitet, täglich bis Mittag zu schlafen, in Wohngemeinschaften als einzige Frau gelebt, Haschisch geraucht, LSD geschluckt, aus Dopplern Wein getrunken, war durch Italien getrampt, in Betonwohnblöcken von Tür zu Tür gegangen und hatte kommunistische Zeitungen verkauft (beziehungsweise kaum verkauft). Noch immer war ich kein Genie! Schon als ich vor fünfundzwanzig Jahren einem damals als Nachwuchsgenie gehandelten Schriftstellerkollegen begeistert mitteilte, ich hätte gerade eine Geschichte aus meinem Kopf abgeschrieben, die dort bereits fertig formuliert bereitgelegen habe - ich dachte, das sei ein untrügliches Zeichen für das Genie -, erntete ich nur Spott und Hohn. "Na und?", hieß es, "ich habe immer drei bis vier Romane gleichzeitig im Kopf." Und so ging das dann später weiter. Das männliche Genie darf und kann, ja soll und muss jederzeit nachts aufstehen, auch wenn es dabei Frau und Kinder weckt, um grenzüberschreitend zu dichten oder zu komponieren, oder meinetwegen zu musizieren, zu einer Frau sagt man in dem Falle: "Mitten in der Nacht? Bist du noch bei Trost? Wenn du eine wirklich gute Idee hättest, könntest du sie auch noch morgen umsetzen." Das Gleiche, was das Kochen, Putzen oder Einkaufen betrifft: So etwas geht dem grenzüberschreitenden Genie selbstredend am Arsch vorbei. Du kannst als Frau auch irgendwie schlecht einen Typen nach dem anderen aufs Kreuz legen, wie etwa Henry Miller die Frauen, weil der Unterschied ist: Henry Miller ist ein Genie und du bist eine Schlampe. Okay. Das Genie steht so was durch. Vorurteile waren schon immer dazu da, das Genie zu Höchstleitungen anzuspornen.

Dumm ist natürlich, dass deine Lungenkapazität nicht geniekompatibel ist. Du verträgst einfach keine kubanischen Zigarren (wie Brecht oder Heiner Müller) und auch keine drei Packerln Zigaretten am Tag, wie ja bekanntlich vergleichsweise kleinere männliche Genies sie jahrzehntelang vertragen, und nach einer Flasche Whisky würdest du kotzen, wenn du sie überhaupt hinunterwürgen könntest. Gut, eine Flasche Wein geht schon mal, auch zur Not zwei, aber besonders produktiv ist das nicht! Eindeutig eher unproduktiv.

Es gibt natürlich weibliche Ausnahmen: Else Lasker-Schüler, Jane Bowles, Djuna Barnes, Patricia Highsmith. Die sind genau wie männliche Genies verkommen, verrückt geworden oder gerade noch rechtzeitig solide. Auch heute gibt es das. Ich kenne eine Schriftstellerin, die eine Virginia nach der anderen raucht, und eine andere hat sich zu Tode gesoffen. Aber insgesamt ist es nun einmal sogar wissenschaftlich erwiesen, dass Frauen sowohl Alkohol als auch Tabak weniger gut vertragen als Männer. Außerdem würde keine Frau, das hat schon Montaigne beschrieben, das Leben ihrer Kinder opfern, meistens nicht einmal ihre Oma verheizen oder mit Waffen handeln oder in Matrosenspelunken sitzen und Morphium rauchen, um Grenzerfahrungen zu machen, wenn sie gerade einmal eine Schreibpause hat. Fast keine. Mit der Zeit verstärkte sich die Vermutung, der Geniekult sei vielleicht nichts weiter als ein Produkt männlicher Selbstüberschätzung. Das einzige Genie, das ich persönlich kennengelernt habe (ich nenne keine Namen!), sagte einmal: "Wenn wir ehrlich sind, schreiben wir doch alle, um uns in die Literaturgeschichte einzutragen." Da wusste ich, ich würde es nie zu einem Genie bringen.

Später dann war ich noch weiter ernüchtert und dachte, der Geniekult gelte vielleicht vor allem zur Entschuldigung für faule Männer, die sich weder um ihre Kinder noch um ihre Wohnung und das Essen kümmern wollen: Nein, ich esse meine Suppe nicht! Aber deine schon! Ich denke oft an den deutschen Dichter in Südfrankreich, der vor seinem Haus im Garten stand, weit über das Land blickte, in der linken Hand ein Weinglas, in der rechten einen Gartenschlauch, aus dem Wasser auf die Pflanzen vor ihm spritzte, bis sie beinahe ersoffen, während er versonnen vor einer Gruppe junger Schriftsteller über Frankreich und französische Dichtung sprach, die er im Gegensatz zu seiner Frau, die in der Küche das Essen für uns Gäste kochte, nicht im Original lesen konnte, weil er auch nach all den Jahren in Frankreich nicht Französisch sprach und also alleine auch gar nicht imstande gewesen wäre, sein Anwesen auf der Anhöhe in Schuss zu halten, wenn seine Frau nicht die Handwerker besorgt und mit dem Bürgermeister des Ortes gesprochen hätte und überhaupt Tag und Nacht herumzuwieseln schien, während der Dichter mit dem Weinglas in der linken und dem Gartenschlauch in der rechten Hand versonnen übers Land blickte und uns Junge beeindruckte, weil sein Profil an Hemingway erinnerte. Auch die Mengen Bier, Wein und Whisky, die er vertrug. Wer sauft, sieht doppelt

Letztendlich haben sich doch die meisten Genies durch Heirat unbezahlte Frauen gesucht, die ihre Wohnung und ihr Leben in Ordnung halten, damit sie in Ruhe genial sein und ihre Grenzen überschreiten können.

Wird alles ungeheuer überschätzt, finde ich. Wer sauft, sieht manches doppelt oder dreifach. Dahinter steckt keine Wahrheit, außer die, dass Saufen die Wahrnehmung verändert. Ein Trip ist ein Trip, und du kannst dir ruhig einbilden, König Ludwig gewesen zu sein oder Billy the Kid. Du bist es trotzdem nicht.

Und die Welt ist nun einmal weit nicht so bunt und fließend, wie sie aussah. Da hilft alles nichts. Als ich einmal schiffbrüchig war und nachts im Sturm unter das Schiff und zwischen Felsen und Schiffsschraube geriet und dachte, dass ich sterben würde, da war da gar nichts. Es war hell in meinem Kopf, und ich war ganz ruhig. Das war alles. Keine Lebensrückschau, keine Grenzerfahrung, keine Erleuchtung, nicht einmal ein Gedanke an irgendwen.

Wie gesagt, meine Grenzüberschreitungen mache ich alltäglich. Eine Grenzüberschreitung ist ja heute schon, wenn du es ablehnst, telezubanken oder dein Handy Tag und Nacht eingeschaltet zu haben. Sei nicht kindisch, heißt es dann. Die egoistische Gesellschaft beruft sich auf den natürlichen Egoismus des Kindes. Die andere Seite des Kindes, des einzigen Genies überhaupt, will sie naturgemäß gar nicht sehen. Weil funktional ist das Kind garantiert nicht. Eher unpraktisch, störend und zeitraubend. Alles, was es sieht, sieht es zum ersten Mal, was es hört, hört es zum ersten Mal, fühlt und spürt es zum ersten Mal. Es ist dieser Gesellschaft, dieser Landschaft, dieser Welt noch nicht überdrüssig. Nicht alles schon tausendmal gesehen, gehört, gefühlt, gespürt, nicht auf so vieles immer wieder reingefallen. Das Kind ist unersättlich und unsterblich.

Es braucht nicht zu saufen, um etwas zu erleben oder zu vergessen. "Doch Genie ist nichts anderes als die bewusst wieder gefundene Kindheit, eine Kindheit, die, um sich auszudrücken, jetzt mit erwachsenen Organen begabt ist und mit einem analytischen Verstand, der es ihr erlaubt, die Summe der unbewusst angehäuften Materialien zu ordnen", sagt Baudelaire. Die Betonung liegt auf der Bewusstheit. Das ist ja das Schwierige daran. So zu denken, als hätte niemand davor so gedacht, so zu schauen, als hätte niemand zuvor so geschaut. Und trotzdem zu wissen, dass alle schon so gedacht und so geschaut haben. Sehr anstrengend ist so was, und es braucht viel Mut und Kraft. Kindlich ist eben nicht kindisch.

Ich bin gegen den Rausch und das Raunen, das aus ihm hervorgeht, und ich bin für das nüchterne Denken, das klare Gedanken hervorbringt. Gegen kindische Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen. Grenzen hat jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat sowieso. Da brauche ich keine besonderen Erfahrungen. Zu leben genügt. "Der Mensch wird als Genie geboren und endet als Idiot", sagt Bukowski. Da mag er recht haben.

Du kannst als Frau auch irgendwie schlecht einen Typen nach dem anderen aufs Kreuz legen, wie etwa Henry Miller die Frauen, weil der Unterschied ist: Miller ist ein Genie, und du bist eine Schlampe.

Wie gesagt, meine Grenzüberschreitungen mache ich alltäglich. Eine Grenzüberschreitung ist ja heute schon, wenn du es ablehnst, dein Handy Tag und Nacht eingeschaltet zu haben. (Margit Schreiner, ALBUM/DER STANDARD/Print-Ausgabe, 15./16.12.2007)

 

Zur Person
Margit Schreiner wurde 1953 in Linz/Oberösterreich geboren. Sie studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg. Sie lebte in Tokio, Berlin und Italien. 1989 erschien ihr erster Erzählband "Die Rosen des Heiligen Benedikt" im Haffmanns Verlag. 1991 wurde ihre Tochter Oktavia geboren. 2001 wechselte sie zu Schöffling. Dort erschienen u. a. ihre Romane "Haus, Frauen, Sex" (2001) und "Nackte Väter" (2004). Zuletzt erschien "Haus, Friedens, Bruch" (2007).

  • Margit Schreiner: "Das einzige Genie, das ich kennengelernt habe (nein, ich nenne keine Namen!), sagte einmal: ,Wenn wir ehrlich sind, schreiben wir doch alle, um uns in die Literaturgeschichte einzutragen.' Da wusste ich, ich würde es nie zu einem Genie bringen."
    foto: heribert corn
    Margit Schreiner: "Das einzige Genie, das ich kennengelernt habe (nein, ich nenne keine Namen!), sagte einmal: ,Wenn wir ehrlich sind, schreiben wir doch alle, um uns in die Literaturgeschichte einzutragen.' Da wusste ich, ich würde es nie zu einem Genie bringen."
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