Haupteingang zum Glück

3. Februar 2003, 20:14
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Heutige Dramatiker sind cool: Der 30-jährige Wiener Bernhard Studlar erzählt in "Transdanubia - Dreaming" von Verlierern - Ein Porträt

Bernhard Studlar hat ein wunderbar formsicheres Volksstück geschrieben, das am 31. Jänner am Akademietheater uraufgeführt wird.


Wien - Im Jargon der jüngsten uraufzuführenden Stückeschreiber taucht zuverlässig ein Schreckenswörtchen auf: die "Malersaal-Problematik". Der Begriff stammt aus dem Hamburgischen. Er bezeichnet die Studiobühne des Deutschen Schauspielhauses hinter dem Hauptbahnhof. Man betrat diesen Ort durch eine Art Tiefgarage: bahnte sich den Weg über abgelegte Einwegspritzen und platt getretene Kondome. Zugleich nährte man die süßeste Hoffnung: Gleich wird hier Theater gespielt, und alles wird wieder gut werden.

Ausgerechnet hier, "in dieser muffigen Atmosphäre" (Thomas Bernhard), begann die Zukunft. Im wüstesten Keller ohne Aussicht ließ Intendant Frank Baumbauer (heute München) die aussichtsreichsten Stücke uraufführen. In die überschäumende Dankbarkeit der Dramatiker mischte sich daher auch immer ein Stück Selbstekel: Wir sind ja bloß jämmerliche Malersaal-Existenzen!

Die für alle Autoren verbindlichen Malersaal-Bedingungen lauteten sinngemäß: keinesfalls mehr als vier Figuren. Fünf Viertelstunden Spielzeit nach Möglichkeiten nicht überschreiten. Angewandte Anglizismen bitte geduldig einarbeiten: "He, Alter, ick hab' keen Bock" - "Fick dich selber, blöde Tusse."

Schauspieler trugen 70er-Jahre-Klamotten in Kotfarben (der "Christoph Marthaler/ Anna Viebrock"-Effekt) und litten an akutem Konsumkräfteschwund: Generation zero. Die heutige Malersaal-Generation hingegen ist x plus. Ihre Vertreter wie der 30-jährige Wiener und nunmehrige Wahlberliner Bernhard Studlar sind höflich und zuvorkommend. Könner. Auf dem Weg zu den Proben treten sie auf kein einziges Kondom. Ihre Stücke werden ohne Umschweife am Wiener Akademietheater uraufgeführt, dafür gleich mit Starschauspielern wie Johann Adam Oest.

Frühere Malersaal-Schreiber steckten, auf dem Papier wüst ausschweifend, traurigen Moderne-Verlierern abgebrochene Bierflaschenhälse in die Gesäße. Die Figuren heutiger Debütanten sitzen auf sauber gestrichenen Heurigenbänken und sprechen kammermusikalische Horváth-Sätze, die aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wie Trugbilder herüberwehen: "Sie reden so mystisch daher." - "Die heutige Medizin mag zwar einen Fortschritt gebracht haben, aber die Menschlichkeit?"


Neuer Humanismus

Die Vertreter dieser neuen Menschlichkeit, die die Malersäle nicht mehr notwendig hat, weil sie durch den Vordereingang ins Akademietheater hineinkommt, spricht von ihren Stücken wie ein Kunsttischler von seinen Schnitzkunstwerken.

Bernhard Studlar, Autor des morgen im Akademietheater in der Regie von Nicolas Brieger uraufzuführenden Volksstückes Transdanubia - Drea-ming, hat auf der Berliner Hochschule der Künste das Stückeschreiben von der Pike auf gelernt: "Mir war das vollkommen selbstverständlich: Du hast deine Sache vorgelegt, und es sind dann alle über dich hergefallen."

Studlar schreibt zumeist im Verein mit dem Kollegen Andreas Sauter - das erhöht die dialogische Schlagkraft. Sätze, darunter auch die von ihm allein ausgetüftelten, gelingen Studlar vollkommen traumsicher: Ein Stadtgartenbeamter ergibt sich regelmäßig dem Suff und der Melancholie, unterhält dafür eine tragfähige Freundschaft zu einem Türken und übersteht auch die Anfechtung durch einen fremdenfeindlichen Taxler, der eine Döner-Bude niederbrennt, ehe er eine künstlich nachkolorierte Gemeindebaublume glücklich nach Hause trägt. Dabei könnte alles auch geträumt sein oder von Horváth gut erfunden - wenn der nicht '38 von einem herabfallenden Ast in Paris erschlagen worden wäre.

Druck wegen des Burgtheaters verspürt Studlar keinen. Er hat bereits einmal den Heidelberger Stückemarkt gewonnen und sorgt sich sehr nachvollziehbar darum, das seine Stücke ein zweites, drittes, viertes Mal gespielt werden. Seine Figuren liebt er wirklich. Er lauscht ihnen jeden Satz ab: So gehört der gesprochen, immer aus der Mitte des Lebens heraus. Sinnlos, ihn zu fragen, ob er ihnen das konkrete Kolorit absichtlich vorenthält: diese kleinen Hamsterkaufräusche in den Ein-Euro-Läden, dieses Wühlen in den Billigsuppendosen vom Hofer. "Wenn ich das hineinschriebe", sagt Studlar, "wären meine Figuren schon morgen nicht mehr gültig."
(DER STANDARD; Printausgabe, 30.01.2003)

Von Ronald Pohl

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