"Catch Me If You Can": Hasardspiel mit Statussymbolen

23. Juli 2004, 14:32
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"Catch Me If You Can", Steven Spielbergs Epos über einen Trickbetrüger

Über einen Trickbetrüger in Zeiten, als das Tragen von Uniformen noch geholfen hat, erzählt Steven Spielbergs "Catch Me If You Can" – und stellt dabei nicht zuletzt die Frage: Wie verkleidet man als Hollywoodregisseur Wünsche und Obsessionen im doppelbödigen Spiel mit Erzählkonventionen?


Wien – Eine erfolgreiche Karriere, ein reiches Leben und die Lehren, die daraus zu ziehen wären: Wenn Hollywood auf Vorlagen dieses Zuschnitts zurückgreift, dann weiß man meist, was unter dem Strich zumindest bis zur nächsten Oscar-Verleihung übrig bleibt: ausgestellte, nachgemachte Eigenheiten und Tics, zelebriert von "großen" Schauspielern; historische, zumindest "entscheidende" Momente, oft dargeboten mit der Opulenz von Kostümtheater und wie dieses eingeengt in die Korsette straffer Erzähldramaturgien.

Leerläufe, wie sie jedes Leben schreibt, kann sich ein Film, für den Aufwand betrieben wird, nicht leisten. Wie auf Schienen bewegen sich die Protagonisten auf ein dem Publikum bereits bekanntes Ende (triumphale Ovationen oder legendäre Todesumstände) zu. Es ist bezeichnend für das mittlerweile in immer verblüffendere Bögen abschweifende Spätwerk von Steven Spielberg, dass sich der US-Regisseur auch in seinem jüngsten Film Catch Me If You Can weniger für einen souveränen Einsatz derart eingeschliffener Muster interessiert. Vielmehr reizt ihn die einfach komplizierte Mechanik, der sie folgen.

Schon in Artificial Intelligence und in Minority Report hat Spielberg Konstruktionen von Identität ausgelotet und ausgereizt: Was ist authentisch, was ist Programm an den Identifikationsmöglichkeiten, die für Erzählfiguren und Zuseher gleichermaßen aufgebaut werden? Es ist bezeichnend, dass diese düsteren Sci-Fi-Szenarios jener Ära entstammen, in der auch Catch Me If You Can angesiedelt ist: den 60er-Jahren, die hier freilich meist in lichten Tönen beschworen werden. Das ist auch von Interesse, wenn man weiß, dass in dieser Zeit Spielbergs Anfänge als Filmemacher datieren: Kleine TV-Genre-Versuche, die dann im Thriller-Planspiel Duell (1971) kulminierten.

Scherenschnitte

So, wie damals ein Autofahrer von einem schwarzen Lkw gehetzt wurde, glänzt auch Catch Me If You Can mit einer vertrackten Kombination simpler Mechanismen. Mag auch der Film einer "wahren Geschichte" folgen – der Biografie des Trickbetrügers und späteren FBI-Agenten Frank Abagnale -, so weist ihn doch schon der Vorspann, eine schöne Reminiszenz an Meisterwerke des Trailer-Großmeisters Saul Bass, als Scherenschnitt-Theater aus.

Ein farbloses Männchen mit Hut (im Film ist das Tom Hanks) jagt da – begleitet übrigens von einem ziemlich melancholischen Jazzscore – ein schillerndes, vom Fliegerpiloten bis zum Arzt sich veränderndes Männchen: Leonardo DiCaprio darf charmant und höchst gewinnbringend Berufsbilder simulieren – in Zeiten, in denen das Tragen von Uniformen noch geholfen (und imponiert) hat. Wer ginge heute noch in die Knie, wenn Flugkapitäne, umgeben und gefolgt von Stewardessen-Models, Hotelfoyers betreten!

Ebendiese Ein- und Durchgangshallen von Hotels, Banken, Krankenhäusern und Flughäfen definieren nun jenen öffentlichen Raum beschleunigter Wahrnehmung und Anonymität, in dem Frank Abagnale Bedeutung simuliert: Während sein Gegenspieler verdeckt und meist als Schreibtischtäter handelt, erhöht er, den keiner fassen kann, paradoxerweise seinen Marktwert und seine Gewinnspannen in offensiver Zurschaustellung: mit gefälschten Ausweisen, Schecks und Insignien von Macht.

Es ist immer wieder amüsant, wie dieses Rollenspiel in des Kaisers "alten Kleidern" eine komödiantische Leichtigkeit zeitigt, die man bei Spielberg bis dato eigentlich kaum gewohnt war. Und Leonardo DiCaprio steigert sich im besten Wortsinn zu einem romantischen Kinohelden, wenn er sich etwa im Kino oder Fernsehen "typisches" Verhalten von Piloten, Ärzten, Anwälten abschaut und damit draußen im wirklichen Leben (das Spielberg wiederum wie eine Thrillerkomödie der 60er-Jahre inszeniert) umso schneller überzeugt.


Jugend: Verlust

Es ist beinahe bedauerlich, dass dies alles dem Regisseur nicht genügt und, wenn es schon um Bedeutung(en) geht, nicht bedeutsam genug erscheint. Anstelle des kleinen, flotten Genrefilms, der da immer wieder anklingt, ist Catch Me If You Can nämlich doch ein eher episches Werk geworden – auch über private Obsessionen und Wünsche. Einmal mehr strapaziert Spielberg sein ewiges Lieblingsthema: kindliche Traumata, den Verlust von Familie.

Wie der kleine Junge in E.T. wird DiCaprio anfangs von einem überirdisch schönen Bild fasziniert: Seine bald darauf geschiedenen Eltern (Christopher Walken und Nathalie Baye), tanzend im Wohnzimmer. Aber es geht schon hart an den Rand zur Lächerlichkeit, dass der Held mit all seinen Tricks angeblich nur die Wiedervereinigung der beiden finanzieren will. Der wirkliche Frank Abagnale hatte angeblich nur eins im Sinn: schönen Mädchen zu imponieren. Dennoch: Auch aus der Zerrissenheit des Protagonisten zwischen dem amerikanischen Vater(land) und der französischen Mutter(sprache) schlägt Catch Me If You Can bisweilen denkwürdig schräge Situationen.

Etwa, wenn das Gefängnis in Frankreich, in dem Abagnale auf seiner ewigen Flucht irgendwann landet, fast an ein altertümliches Verließ erinnert. Oder wenn, bei der Scheidung der Eltern, plötzlich eine bäuerliche französische Großmutter wie eine Anklage des "alten Europa" im Raum steht, vor der der American Way of Life denkbar absurd wirken muss.

Natürlich ist es auch eine Referenz an Fran¸cois Truffaut, der für Spielberg in Unheimliche Begegnung der dritten Art als Darsteller tätig war, dass mit Nathalie Baye eine von Truffauts Lieblingsschauspielerinnen besetzt wurde.

Truffaut sagte einmal über Spielberg, er filme das Phantastische real und das Alltägliche fantastisch. Die Schwelle zwischen diesen beiden Bereichen immer gelassener und zugleich formal bewusster zu überschreiten scheint heute die liebste Herausforderung für den US-Regisseur zu sein: Wie er am Zenit seiner Macht und seiner Produktionsressourcen seine Ausnahmestellung für Ausnahmefilme nützt, das ist gegenwärtig ohne Vergleich. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2003)

    <p>David Sowka hat Verständnis für <a href="/1244460640935" target="_self">Journalisten, die Twitter-Meldungen ungeprüft übernehmen</a>.</p>
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