Erasure: "Other people's songs"

21. Oktober 2005, 18:06
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Eine CD, die die Welt bewegt? Nö. Aber den Hintern allemal ...

Ja was ist denn das? Mit Erasure hatte eigentlich niemand mehr so wirklich gerechnet, nachdem es um das Synthiepop-Duo von Vince Clarke (Instrumente) und Andy Bell (Stimme) in den letzten Jahren stiller geworden war. Die 1987 mit "Sometimes" begonnene Serie der hohen Charts-Platzierungen ging Mitte der 90er allmählich zu Ende; "I say I say I say" von 1994 mit dem Hit "Always" war das letzte so richtig erfolgreiche Album der beiden, dann folgte leider eine Reihe von Flops.

Nun ist Vince Clarke als Gründungsmitglied von Depeche Mode und Yazoo ein alter Pop-Hase und weiß daher, wie man sich am leichtesten wieder an den eigenen Löffeln aus dem Popularitätstief herauszieht: Richtig, mit einem Coverversionen-Album. Schlicht und zutreffend "Other people's songs" betitelt - und die 1992 mit dem richtigen Gespür für kommende Revival-Trends veröffentlichte EP "ABBAesque", ein Megaseller, bewies ja, dass Erasure die Kunst des vereinnahmenden Coverns beherrschen. Ein strategisch geplanter Erfolg also.

Die Lieder anderer Leute

Klingt alles ziemlich logisch... die Wirklichkeit ist aber dann doch meistens um eine Windung komplizierter. Eigentlich hätte dies das Solo-Album von Andy Bell werden sollen, recht klassisch angelegt sogar. Die sporadische Unterstützung durch Clarke wuchs jedoch im Laufe der Aufnahmen soweit an, dass sie beschlossen, "Other people's songs" doch als Erasure-Produkt herauszugeben. Ein "richtiges" Album wird übrigens folgen.

Die besten Momente von "Other people's songs" sind diejenigen, wo sich in schlingerndem Midtempo der typische Erasure-Sound entfalten kann: Buddy Hollys "Everyday" oder Peter Gabriels "Solsbury Hill". Letzteres ist klar der beste Song des Albums, und es war weise ihn als erste Single auszukoppeln. In die britischen Charts ist "Solsbury Hill" bereits eingestiegen.

Ihre Wahl, bitte

Problematisch wird's, wo die Ausgangsmelodie straighter ist, Andy Bell nicht in Schleifen singen darf und das verspielte Zwitschern der Synthesizer eine Gitarre vermissen lässt: Weder Cockney Rebels "Make me smile" noch das Vocoder-gesungene "Video killed the radio star" überzeugen wirklich. "Video" klingt eher nach Console im Kindergarten; hätte man sich sparen können.

Zwischen diesen beiden Polen liegt aber eine auf eigentümliche Weise zeitlose und ganz und gar bunte Welt. Bells Stimme leuchtet klar wie eh und je - egal ob er nun Elvis covert, die Ronettes oder die Walker Brothers. Und sie hat Umfang - gut zu hören in "You've lost that lovin' feelin'" der Righteous Brothers. Dazu gab es Ende der 70er schon mal eine Synthie-Version von Human League: dunkel, kalt und gut. Erasure liefern dazu gewissermaßen die Light-Ausgabe nach.

Grenzgänger

Zwischendurch überschreiten Erasure immer wieder genüsslich die Grenzen zwischen gediegenem Pop und haarsträubendem Kitsch - allein, aus welcher Richtung kommen sie dabei? Man sollte nicht vergessen, dass dies die Band ist, die auf ihren Tourneen im Gummikostüm oder als Weltkarte(!) verkleidet vor aufblasbaren Schnecken und Science Fiction-Dschungeln auftrat. Oder auch mal als Agneta und Frida. In "Walking in the rain", der Elvis-meets-Sailor Moon-Version von "Can't help falling in love" oder dem völlig wahnwitzigen "True love ways" sind Erasure jedenfalls hart dran, zu ihrem eigenen Musical zu werden.

Bleibt noch die Frage offen, für welches Zielpublikum diese CD gedacht ist. Denn neben dem schon erwähnten Kindergarten drängt sich zwischendurch ("Make me smile"!) auch das Bild tanzender Seniorengruppen auf, die sich nach Dauerwelle und Bingo von einem dubiosen Entertainer noch ein wenig in den Abend wiegen lassen. Und allzuviel Abstand zu Karaoke-Tracks lässt Clarke seine Keyboards auch nicht gerade halten. Aber Pop soll ja schließlich alle ansprechen.

Der langen Rede kurzer Sinn

"Other people's songs" wird sicher nicht den Erfolg von "ABBAesque" wiederholen können, aber ebenso sicher Erasures bestverkaufte CD seit "I say I say I say" werden. Wird sie die Welt bewegen? Nö. Aber den Hintern allemal.

... man kann die Beschreibung auch abkürzen - für Synästhetiker, die zu jedem Klang automatisch eine Farbe sehen: diese CD ist zuckerlrosa ... mit ein paar quietschgelben Streifen drin. (Josefson)

Erasure: "Other people's songs" (Mute 2003)
Anspieltipps: "Everyday", "Solsbury Hill".

Erasure Information Service
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    coverfoto: mute
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